Sterne – sie sind im Internet die offizielle Währung für freie Meinungsäußerung, denn hier lässt sich bekanntlich jeder und alles mit den fünf oder sechs kleinen gelben Symbolen bewerten: Arbeitgeber, Händler, Produkte, Orte und alle möglichen Dienstleistungen. Und wie bei jeder Währung gibt es auch bei den Sternen „falsche Fuffziger“.

Wutbürger mit Smartphones

Gerade die Bewertungsmöglichkeiten auf „Google My Business“, facebook, Yelp, Golocal, Jameda oder kununu haben sich als idealer Platz etabliert, um einmal richtig Dampf abzulassen. Wer sich über den Hotelbetreiber ärgert, weil er keinen Nachlass auf die gewünschte Massage gegeben hat, verreißt vom Smartphone aus mit ein paar Mausklicks direkt das gesamte Etablissement. Und wessen Wunsch nach Gehaltserhöhung kein Gehör findet, der wertet mit ein paar Sätzen eben mal die ganze Firma ab. Wem die Portion im Restaurant zu klein war, der macht den Gastronomiebetrieb zur kulinarischen Katastrophe. Das Feierabendvergnügen hat für die Betroffenen oft harte Konsequenzen: Der Häme folgt ein messbarer wirtschaftlicher Schaden.

David gegen Goliath

Für die Glaubwürdigkeit genügt das Prinzip „Klein gegen Groß“. Ob der anonyme David je für den benannten Goliath gearbeitet oder seine Dienste in Anspruch genommen hat, bleibt unbekannt und interessiert die Plattformbetreiber aller Gerichtsurteile zum Trotz bislang herzlich wenig. So hatte der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe unlängst aufgrund der Klage eines Arztes gegen die Arztbewertungsplattform Jameda entschieden, dass das Bewertungsportal Jameda den Besuch des Patienten bei dem klagenden Arzt beweisen muss. Dieser hatte Zweifel gehegt, dass der Patient, der ihn negativ bewertet hatte, überhaupt jemals bei ihm in Behandlung war. Beweise könnten etwa die Vorlage von gestempelten Rezepten, ausgestellte Rechnungen oder Nachweise über Terminvereinbarungen sein. Die Plattformbetreiber Jameda hingegen wehren sich und verweisen auf den Schutz der Anonymität ihrer Nutzer. Über entsprechende Nachweise, die dem Arzt auf Verlangen anonymisiert vorzulegen sind, könne leicht auf die Identität des Nutzers geschlossen werden.

Lästern als Volkssport

Aktuell ist in der Debatte also noch nicht allzu viel gewonnen: Es braucht nicht wirklich Ahnung von der Materie, um im Internet Sternchen wie Gummipunkte zu verteilen. Das mache jeder, wie er will. Die Betreiber der Plattformen stellen sich blind wie Justitia und konzentrieren sich lieber aufs eigene Business. Das brummt am besten, je extremer die Meinungen sind. Das findet gern Gehör. Kein Geschäftszweig, der sich nicht zum Lästern eignete, angefangen von der miefigen Umkleide im Fitnessstudio bis zu dem stinkigen Käse im Restaurant.

Wertewandel im Wertehandel

Ja, mit fremder Leute Meinung lässt sich prächtig Geld verdienen. Denn wo sollte der diffamierte Fabrikant, Händler, Dienstleister besser gegensteuern, als auf der Plattform selbst. Diese Werbung in eigener Sache wird dann auch von vielen Betreibern den Opfern der Rufattacke angeboten. Wenn der Druck im Meinungstopf stimmt, ist der Unternehmer bald weich. Guter Ruf ist teuer und ein Schuft, wer da an Schutzgeld denkt. Das postende Publikum aber wird zum Handlanger des einträglichen Geschäfts: Wertewandel im Wertehandel.

 

Christian Scherg ist Geschäftsführer der 2007 von ihm gegründeten REVOLVERMÄNNER® GmbH

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