Globale Entwicklungen, Regionale Herausforderungen

9/11 – zehn Jahre danach: Al-Qaida und der Krieg gegen den Terror

Von: Peter Wichmann

Auf diesem Weg werden auch immer mehr aus Deutschland stammende Personen in Sachen terroristischer Expertise ausgebildet, um Soldaten in Afghanistan zu töten oder um Anschläge in Deutschland zu planen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob die Behauptung von der Verteidigung der deutschen Sicherheit am Hindukusch in ihrer Pauschalität noch stimmig ist?

Der 11. September 2001 bedeutete nicht nur eine Zeitenwende in der internationalen Politik, sondern auch für Al-Qaida stellte jener terroristische Akt eine Zäsur dar. Es war der wohl spektakulärste Terroranschlag in der Geschichte des Terrorismus, aber er bedeutete für Al-Qaida zugleich einen bislang ungekannten Verfolgungsdruck durch den kurze Zeit später anlaufenden Krieg gegen Terror. Schließlich trafen islamistische Terroristen die symbolischen Wirtschafts- und Machtzentren der Vereinigten Staaten von Amerika. Der Krieg gegen den Terror war die logische Folge, den Al-Qaida möglicherweise bewusst kalkuliert hat, um die USA in einige Kernländer des Islam zu locken. Vom „Ende der Geschichte“ wie es Francis Fukuyama prognostizierte war nun keine Rede mehr. Einen neuen asymmetrischen Krieg gilt es seither zu bewältigen – ein siegreiches Ende lässt jedoch auf sich warten.

Die Transformation der Al-Qaida zur globalen Bewegung

Nach dem 11. September und dem Beginn des Krieges gegen den Terror konnte Al-Qaida ihre Wandlungsfähigkeit bewahren und erkannte die Notwendigkeit, sich grundlegend zu verändern, um ihr Überleben zu sichern. Seit ihrer Gründung im Jahr 1988 durchlief sie verschiedene Transformationsphasen – von einer regional orientierten Guerillabewegung, über eine Internationalisierung des bewaffneten Dschihads, bis hin zu einer transnationalen Organisation mit dem Charakter einer globalen Bewegung, durch die der Begriff „Al-Qaida“ zum Label wurde. Mit der militärischen Beseitigung ihrer Ausbildungslager und dem Fahndungsdruck nach ihren Symbolfiguren vollzog Al-Qaida eine strukturelle und operative Neuausrichtung. Neue Namen wie Abu Musab al-Suri (Klarname: Mustafa Bin Abd al-Qadir Setmariam Nasar`s), Abu Bakr Naji (Pseudonym; Klarname unbekannt) sowie Saif al-Adl traten informelle Funktionen an und entwickelten Al-Qaida operativ, organisatorisch und strategisch weiter. Sie ergänzten die beiden Symbolfiguren Osama Bin Laden und Aiman al-Zawahiri auf vielfältige Weise. Al-Qaida transformierte sich in der Folgezeit organisatorisch in drei konzentrische Kreise, die in Wechselbeziehung zueinander stehen und den transnationalen Terrorismus perfektionierten. Diese Neuausrichtung erlaubte es, die westlichen Soldaten erfolgreich in einen asymmetrischen Guerillakrieg in mitten von Kernländern des Islam zu verwickeln sowie ein hohes Maß an Widerstandsfähigkeit gegenüber dem militärisch überlegenen Westen zu bewahren.

Eine wesentliche Neuerung war die verstärkte Regionalisierung durch die Etablierung von drei Al-Qaida-Tochterorganisationen: im Irak (AQI), im Maghreb (AQIM) und auf der arabischen Halbinsel (AQAP). Neben diesem zweiten konzentrischen Kreis existiert die „klassische“ Al-Qaida als erster konzentrischer Kreis weiterhin im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet. Diese Mutterorganisation setzt seither verstärkt auf Multiplikation von Propaganda, um die Rechtfertigung ihres bewaffneten Kampfes via Internet in die Welt zu tragen und um das revolutionäre Subjekt – die islamische Gemeinschaft – für ihre Zwecke zu mobilisieren. Wie erfolgreich eine solche Radikalisierung durch Internetpropaganda ist, zeigte sich sogar in Deutschland, als ein durch ebensolche Propaganda radikalisierter Muslim am 2. März 2011 zwei US-Soldaten am Frankfurter Flughafen tötete.

Neben ihrer Funktion als propagandistisches Sprachrohr kooperiert die Mutterorganisation außerdem mit zahlreichen Bündnispartnern wie den afghanischen und pakistanischen Taliban, der Islamischen Jihad-Union (IJU) und der Islamischen Bewegung Usbekistans (IBU) sowie mit einigen anderen Gruppen, die ihrerseits die westlichen Truppen in Afghanistan bekämpfen und wie im Fall der IJU und der IBU terroristische Ambitionen bis nach Europa verfolgen. Nach dem 11. September vollzog Al-Qaida ihre operative Ausweitung nach Europa – sogar in Deutschland traten einige ihrer Kooperationspartner und Sympathisanten in Erscheinung. In diesem Zusammenhang sind einige Beispiele terroristischer Pläne in Deutschland zu nennen: die Mitglieder der Düsseldorfer „Al-Tawhid-Zelle“ (2002) planten in Düsseldorf verschiedene Lokalitäten mit Sprengstoffanschlägen zu zerstören; die Terrorzelle der „Anwar al-Islam“ (2004) beabsichtigte ein Attentat auf den irakischen Ministerpräsidenten in Deutschland zu verüben; 2005 wurden drei mutmaßliche Al-Qaida-Aktivisten in Mainz verhaftet; die sogenannten Kofferbomber (2006) deponierten in Regionalzügen Sprengsätze, die nur aufgrund technischer Mängel nicht detonierten; die Mitglieder der sogenannten Sauerland-Gruppe der IJU (2007) wurden in einem Terrorcamp im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet ausgebildet und für Anschläge in Deutschland vorbereitet; und die jüngsten Verhaftungen mutmaßlicher Al-Qaida-Anhänger in Düsseldorf (2011) verdeutlichen auch weiterhin die Aktivität islamistischer Terroristen in Deutschland. Diverse Drohvideos von aus Deutschland stammenden Islamisten wie Bekkay Harrach, die Chouka-Brüder, Eric Breiniger und einige weitere verdeutlichen ebenfalls das Gefährdungspotenzial durch radikalisierte Muslime, die teilweise in Moscheen in Deutschland radikalisiert worden sind und mit ihren Ansprachen möglicherweise weitere Sympathisanten mobilisieren. Denn die Anzahl der Mitglieder islamistischer Organisationen ist in den letzten Jahren stetig angestiegen. Dabei nehmen die Reisebewegungen aus Deutschland stammender Islamisten in diverse terroristische Ausbildungslager stetig zu.

Diese Tatsachen verdeutlichen die Mobilisierungs- und Rekrutierungsfähigkeiten des Islamismus. Nicht nur Europa, sondern die gesamte westliche Welt ist mit gewaltbereiten Islamisten konfrontiert, die andere radikalisieren und sich ideologisch der fundamentalistischen Idee einer Weltmacht Islam – wie sie Al-Qaida propagiert – anschließen. Das advokatorische Handeln durch diverse Propagandamechanismen scheint hierbei zu gelingen, da neben einigen Aktivisten im Westen auch die regionalen Tochtergruppen immer aktiver werden. Besonders im Maghreb und auf der arabischen Halbinsel etablierten sich neue Epizentren der Al-Qaida. Dies war ganz im Sinne von Abu Bakr Naji, der mit seiner Schrift „Management of Savergy“ dazu aufrief, Herrschaftszonen in Kernländern des Islam aufzubauen und in Konfrontation mit den dortigen Machthabern überzogene Gegenreaktionen zu bezwecken, mit dem Kalkül, die „islamischen Massen“ zu mobilisieren. Inwieweit dies erfolgreich sein wird, bleibt abzuwarten.

Bemerkenswert ist, dass AQIM und die AQAP erfolgreich terroristische Strukturen etablierten, da wie im Maghreb auf erfahrene Jihadisten zurückgegriffen werden konnte, die durch ihre Beteiligung im algerischen Bürgerkrieg die nötige Kampferfahrung mitbrachten und somit eine günstige Erfolgsbedingung der AQIM lieferten. Die Maghreb-Staaten sind es, aus denen sich eine Reihe von islamistischen Terroristen rekrutieren, die auch in Europa in Erscheinung treten. Der Präsident des Bundesnachrichtendienstes, Ernst Uhrlau, warnte bereits mehrfach von einer besonderen Gefährdungslage die von Islamisten aus den Maghreb-Staaten für die Sicherheit in Deutschland ausgeht. Dieser Zusammenhang zeigt, wie sehr die innere Sicherheit Deutschlands von den islamistischen Strukturen auch außerhalb Afghanistans abhängig ist.

Auf der arabischen Halbinsel ist die Al-Qaida besonders ambitioniert. Besonders der Jemen wurde zum neuen Epizentrum des Terrorismus. Die Führungs- und Symbolfigur der AQAP ist Anwar al-Awliki, der sowohl Kontakte zu den Attentätern vom 11. September sowie zum US-Militärpsychiater Nidal Malik Hasan unterhielt – der am 5. November 2009 ein Blutbad auf dem US-Militärstützpunkt Ford Hood anrichtete – als auch zu dem Terroristen Omar Farouk Abdulmutalib, der an Weihnachten 2009 in einer Passagiermaschine am Detroiter Flughafen Sprengstoff mit an Bord schmuggeln konnte. Das Interesse der AQAP beschränkt sich somit nicht nur auf ihr regionales Epizentrum, sondern orientiert sich an der globalen Zielsetzung, die Al-Qaida seit den 1990er-Jahren vertritt. Al-Qaida konnte durch ihre regionalen Tochterorganisationen den Grundstein für Herrschaftszonen legen, die zum Sicherheitsproblem für die jeweilige Region und für die gesamte Welt geworden sind. Der AQAP wird sogar nachgesagt, Anschläge mit Rizin gegen die USA vorzubereiten. Neben ihrer operativen Aktivität betreibt sie auch ein englischsprachiges Magazin, mit dem sie versucht, die Notwendigkeit ihres bewaffneten Dschihads zu begründen, um neue Anhänger anzuwerben. In der Professionalität ihrer Propagandaarbeit steht die AQAP ihrer Mutterorganisation in nichts nach. Bei Al-Qaida im Irak sieht die Lage etwas anders aus. Dort gelang es den USA durch die Counterinsurgency-Strategie seit 2007, durch Kooperation mit „gemäßigten“ Kräften die AQI erfolgreich zu schwächen.

Die Herausforderung durch konspirative Terror-Zellen

Der dritte konzentrische Kreis der Al-Qaida – die konspirativen, dezentralen Zellen in westlichen Ländern – bildete sich ebenfalls verstärkt nach dem 11. September. Hierfür stellen die strategischen Überlegungen eines Musab al-Suri eine wesentliche Weiterentwicklung in der operativen und organisatorischen Struktur Al-Qaidas dar. Al-Suri, der inzwischen inhaftiert wurde, legte mit seiner Schrift „The Global Islamic Resistance Call“ das Manifest der neuen Al-Qaida vor, an der sich die Mutterorganisation seither orientiert. Al-Suri sparte dabei nicht an Kritik gegenüber der „klassischen“ Al-Qaida-Führung. Er forderte dezentrale Zellen, die jeweils durch eine organisatorische Dreiteilung mit einer klaren internen Befehlsstruktur ein Höchstmaß an Konspiration gewährleisten können, um sich der Ermittlung durch die Sicherheitsbehörden entziehen zu können und letztlich ungehindert empfindliche Angriffe zu vollziehen. Trotz vielfältiger Maßnahmen im Krieg gegen Terror konnte sich Al-Qaida der neuen Sicherheitsarchitektur tatsächlich anpassen und weiter existieren. Der Anschlag am 11. März 2004 in Madrid mit 192 Todesopfern wurde beispielsweise von einer Zelle vorbereitet und durchgeführt, die nach dem Konzept von al-Suri aufgebaut war. Bei einigen weiteren Anschlägen ist ebenfalls die konzeptionelle Handschrift eines al-Suri nachzuweisen.

Zwar konnte eine beachtliche Anzahl von Al-Qaida-Aktivisten inhaftiert oder liquidiert werden, aber die Bewegung die Al-Qaida heute ausmacht, bleibt bislang unberührt. Sowohl al-Suri als auch Naji forderten neben den bisherigen populären Angriffszielen auch eine Schädigung diverser Ölpipelines, um der Weltwirtschaft nachhaltigen Schaden zuzufügen. Diese Pläne zeigen die Flexibilität in der Auswahl der Ziele, wodurch die Aktivität des Terrorismus gewährleistet wird und der Sicherheitsanspruch auch derjenigen der Weltwirtschaft herausfordert. Das Aufspüren und die Liquidierung Osama Bin Ladens stellt zwar ein wesentliche Etappe im Krieg gegen den Terror dar, aber ob die Anziehungskraft der Al-Qaida bei ihren Anhängern und Sympathisanten dadurch schwinden wird, bleibt fraglich. Die Sicherheitsbehörden können beachtliche Erfolge im Aufspüren von Terrorzellen aufweisen, aber ob dies dauerhaft in jedem Fall so bleiben wird, lässt sich nicht voraussehen. Jedenfalls müssen die Sicherheitsbehörden ihre Methoden stets weiterentwickeln. Die Rekrutierungsfähigkeit der Al-Qaida wird weiter bestehen bleiben, auch wenn so mancher bereits von der schleichenden Auflösung Al-Qaidas ausgeht – obwohl es für diese Behauptung keine stichhaltigen Belege gibt.

Der Afghanistan-Einsatz hat einige Erfolge in der Bekämpfung des Terrorismus aufzuweisen. Nichtsdestotrotz führte das Engagement in Afghanistan zu einer Verlagerung der terroristischen Infrastruktur der Al-Qaida in weite Teile des Mittleren Ostens als auch in die westliche Welt. Deutschlands Sicherheit hängt also nicht nur von der Sicherheitslage in Afghanistan ab, sondern ist darauf angewiesen, dass der islamistische Terrorismus weltweit bekämpft wird. Die regionalen Al-Qaida-Tochterorganisationen sowie die dezentralen Zellen im Westen verdeutlichen das Ausmaß der Gefährdungslage, die jenseits von nationalstaatlichen Grenzen verläuft und sich somit nicht auf Afghanistan beschränkt. Die Transnationalität der Al-Qaida verdeutlicht die globale Dimension ihrer Bedrohung. Während der internationale Terrorismus der 1970er- und 1980er-Jahre zwar auf internationaler Ebene operierte, so waren die jeweiligen Terror-Gruppen jedoch auf ihre „nationale“ Sache fixiert. Al-Qaida strebt hingegen nach einer durch den Islam begründeten und universal ausgeprägten Herrschaft – einer Weltmacht Islam. Dieses globale Ziel ist ein wesentliches Kernelement ihrer Transnationalität, die eng mit ihrer fundamentalistischen Auslegung des Islam verbunden ist sowie durch ihre multinationale Zusammensetzung ihrer Anhänger, die sich einzig und allein durch den Islam identifizieren, getragen wird.

Die Drogenproduktion als Erfolgsbedingung für Al-Qaida und die Taliban

Wo ist der Schwachpunkt in der Bekämpfung islamistischer Strukturen in Afghanistan? Afghanistan und seine unmittelbare Umgebung waren und sind auch weiterhin ein wichtiges Epizentrum des islamistischen Terrorismus, aber eben nur eines von vielen. Bei dem zehnjährigen Engagement der Nato in Afghanistan fällt überraschend der Bericht des Büros der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung über den Drogenanbau ins Auge, wonach der Drogenanbau in Afghanistan in den letzten zehn Jahren um mehr als Vierzigfache angestiegen ist und die Fläche der Mohnfelder sich von 82.000 auf 123.000 Hektar erhöht hat. Afghanistan hat auf dem Weltmarkt der Opiate einen Anteil von 93 Prozent. Dem Afghanistan- und Taliban-Experten Ahmed Raschid zufolge ist sogar jeder vierte Polizist drogenabhängig. Auch ist unumstritten, dass die Taliban als auch Al-Qaida Gewinne aus dem Drogenanbau ziehen und sich auf diesem Wege finanzieren. In der öffentlichen Berichterstattung wird dieser Aspekt weitgehend ignoriert, obwohl die Kausalität zwischen dem Drogenanbau und des weiter anhaltenden Terrorismus in Afghanistan nicht zu übersehen ist. Da überrascht die Nachricht aus 2006 nicht, wonach der Bruder von Hamid Karzai selbst in den Drogenhandel verstrickt sein soll. Nicht nur die Terroristen profitieren vom Drogenanbau, sondern auch Teile der politischen Elite in Afghanistan. Die Finanzierung des Terrorismus durch Drogen oder andere kriminelle Geschäfte ist in der Geschichte des Terrorismus keine Seltenheit, sondern eine feste Konstante. Schon die Terrorgruppen des internationalen Terrorismus der 1970er- und 1980er-Jahre wie die Irish Republican Army (IRA) oder die Rote Armee Fraktion (RAF) profitierten von kriminellen Machenschaften. Den übrig gebliebenen Gruppen der IRA wird bis heute nachgesagt, in kriminelle Machenschaften involviert zu sein. Die kolumbische FARC finanziert sich sogar seit Jahrzehnten aus dem Anbau von Drogen. Da Terroristen in aller Regel in der Illegalität leben, bleibt ihnen oft keine andere Wahl als sich durch kriminelle Geschäfte zu finanzieren. Organisierte Kriminalität und terroristische Gruppen profitieren voneinander. Allein in Deutschland stellt der Drogenhandel und Konsum eine wesentliche Ursache für eine beachtliche Anzahl von Straftaten dar, insbesondere die sogenannte Beschaffungskriminalität kostet den deutschen Staat viele Millionen und bringt zudem viele Opfer in Mitleidenschaft. Viele der hiesigen Drogen stammen aus Afghanistan. Allein 711 Tonnen Opium werden laut den Vereinten Nationen in Europa verbraucht. Somit ist es unverständlich, dass angesichts der Finanzierung islamistischer Terroristen durch den Drogenanbau nur sehr zaghaft sicherheitspolitische Maßnahmen erfolgen, denn erst seit wenigen Jahren versucht man durch kleinste militärische Aktionen dem Drogenanbau entgegenzuwirken – ohne nachhaltigen Erfolg.

Die wechselseitige Abhängigkeit zwischen innerer und äußerer Sicherheit verdeutlicht die enge Verzahnung zwischen nationaler und internationaler Politik. Internationale wie deutsche Sicherheitsbehörden sprechen unverhohlen von einer global agierenden organisierten Kriminalität, die in dem internationalen Drogengeschäft eine zentrale Rolle spielt. Aus diesem Grund muss der globale Krieg gegen den Terror auch die Erfolgsbedingungen des islamistischen Terrorismus beseitigen – hierzu ist es dringend notwendig, den Drogenanbau flächendeckend zu vernichten. Hierdurch wird man die illegalen Geschäfte und ihre organisierten Strukturen der Drogenkriminalität einen effektiven Schlag verpassen können. Mit Rosenzüchtung als Alternative zum Drogenanbau, wie es manche Entwicklungshilfeorganisation versucht, wird man der Lage nicht gerecht, da Rosen bei weitem nicht so viel Gewinn erwirtschaften wie Opium. Der Westen muss deshalb klarstellen, dass der Drogenanbau in Afghanistan nicht geduldet wird und jederzeit militärische Konsequenzen zur Folge hat. Die in Afghanistan zu Teilen bereits etablierte Drogenökonomie muss in eine drogenfreie Wirtschaft transformiert werden. Ohne solche Maßnahmen wird man islamistische Terroristen in Afghanistan nur schwerlich bekämpfen können. Handeln ist angesagt. Ein nicht zu gewinnender Krieg in Afghanistan wäre andernfalls die Folge. Für eine vollständige Bekämpfung der Al-Qaida reicht der bisherige Afghanistaneinsatz ebenso wenig aus wie das militärische Engagement im afghanisch-pakistanische Grenzgebiet. Al-Qaida ist in ihrer Zielsetzung global orientiert. Dies erfordert ein Umdenken in der Außen- und Sicherheitspolitik. Eine globale Strategie ist erforderlich, nicht nur um Al-Qaida zu bekämpfen, sondern auch den islamischen Fundamentalismus in seiner Gesamtheit. Vielmehr bedarf es einer harten und klugen Bekämpfungsstrategie, zu der einerseits die militärische Ausschaltung jedweder Drogenanbauplantagen und andererseits die konsequente militärische und nachrichtendienstliche Bekämpfung von islamistischen Strukturen weltweit gehört. Durch die Beseitigung des Drogenanbaus wird der Westen in vielfältiger Weise profitieren, vor allem durch eine finanzielle Einsparung im Innern (Wegfall großer Teile der Beschaffungskriminalität; Entlastung von Polizei und Justiz). Auf diesem Weg können sicherheitspolitische Ressourcen gewonnen werden, die anschließend im globalen Krieg gegen Terror eingesetzt werden können. Der Wiederaufbau Afghanistans wird erst dann ausschlaggebenden Erfolg haben, wenn die Erfolgsbedingungen des islamistischen Terrorismus beseitigt worden sind. Die Sicherheit Deutschlands ist keine ausschließliche Frage der Sicherheitslage in Afghanistan, sondern eine Frage der Ausbreitung des islamistischen Terrorismus weltweit – allen voran der Al-Qaida und ihrer Kooperationspartner. zehn Jahre nach 9/11 sind im Krieg gegen den Terror zwar einige Erfolge zu verbuchen, aber die Bedrohungslage hat sich jedoch nicht entschärft. Ebenso ist die Gefährdungslage für deutsche Soldaten in Afghanistan nicht gesunken. Jeder gefallene Bundeswehrsoldat wurde möglicherweise mit Waffen getötet, die aus dem Drogengeschäft finanziert worden sind. Die Drogenkriminalität ist somit mitverantwortlich für den Tod deutscher Soldaten. Deshalb müssen diese kriminellen Strukturen genauso wie der islamistische Terrorismus bekämpft werden – jedoch entschiedener als bisher!


Peter Wichmann ist Politikwissenschaftler und verfasst derzeit an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn seine Dissertation zum Thema „Das hybride Netzwerk der Al-Qaida und das Wesen des Dschihadismus“.

05.03.2012

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