Sicherheit bei Großveranstaltungen, Bevölkerungsschutz

Aber sicher!? Das Security-Konzept für die Olympischen Spiele 2012 in London

Von: Kai Hirschmann

 

Es wurde scheinbar an alles gedacht: 800 Marinesoldaten werden auf dem Kreuzer HMS Ocean in der Themse stationiert. Von dort werden auch Typhoon-Kampfflieger und Hubschrauber mit Stinger-Raketen befehligt, die den Luftraum über den Olympischen Spielen gegen mögliche Terrorattacken sichern sollen. Hinzu kommt ein Ring von sechs Raketeneinheiten mit Boden-Luft-Abwehrraketen um das Olympiagelände. Eine dieser Abschussrampen soll auf dem Dach eines Wohnblocks in Bow in Ostlondon aufgebaut werden. Die Gesamtkosten aller Vorkehrungen werden vorraussichtlich mehr als 1,9 Milliarden Euro betragen.

Doch das Sicherheitskonzept der Olympischen Spiele in London geriet bereits häufiger in die Schlagzeilen. Im Jahr 2011 hatten die Veranstalter die ursprüngliche Planung umgeworfen und die Zahl der Sicherheitskräfte von 10.000 auf 23.500 Mann erhöht. Bereits damals wurde die Hauptlast auf die Armee gelegt, denn das eingekaufte private Sicherheitsunternehmen sah sich bereits damals außerstande, so viele private Sicherheitskräfte in der kurzen Zeit zu trainieren.

Sicherheitsrisiken laut Organisatoren

Menschen stellen das größte Sicherheitsrisiko bei sportlichen Großereignissen dar. Für die Olympischen Spiele 2012 in London werden Eintrittskarten für fast 8 Millionen Zuschauer verkauft, wobei für die größten Veranstaltungen rund 800.000 Besucher erwartet werden.

Die Organisatoren sehen fünf Risikoarten, die eine Sicherheitsherausforderung bedeuten:

  • Terrorismus und politische Gewalt;
  • Schwerverbrechen und organisierte Kriminalität;
  • inländischer Extremismus;
  • öffentliche Unruhen sowie
  • schwere Unfälle und Naturkatastrophen.

Dabei werden Angriffe auf belebte Plätze und Verkehrsinfrastrukturen sowie Cyberattacken am wahrscheinlichsten bewertet.

Eine überforderte private Sicherheitsfirma

Neben 13.500 Soldaten und 12.000 Polizisten sollte die beauftragte private Sicherheitsfirma G4S - der "Official Security Services Provider" der Spiele - weitere 10.000 Sicherheitskräfte in kürzester Zeit schulen. Das Programm, mittels dessen z.B. Studenten in 38 Stunden zu Sicherheitskräften ausbildet werden sollten, hieß "Bridging the gap" (Lückenschluss). Es standen unter anderem Konfliktlösungsstrategien, Verhalten in Notfällen und Einlasskontrollen auf dem Lehrplan. G4S bekommt für den Auftrag 360 Millionen Euro.

Der britische Sicherheitsdienstleister G4S ist der größte Arbeitgeber Europas mit weltweit etwa 600.000 Beschäftigten und in vielen Bereichen des täglichen Lebens präsent. G4S-Mitarbeiter werden eingesetzt in der Gepäckkontrolle auf europäischen Flughäfen. Sie sichern Sportveranstaltungen und Konzerte, führen Geldtransporte für Banken und Handel durch und unterstützen die selbst Polizei bei ihrer Arbeit. Zudem sichert G4S Anlagen der Ölbranche in Krisengebieten, leistet Personenschutz für Geschäftsleute und organisiert Begleitschutz für Handelsschiffe vor der Küste Somalias. Kurzum: Die Firma ist ein "Big Player" im internationalen privaten Sicherheitsgeschäft.

Doch der Lückenschluss "Bridging the gap" funktionierte nicht wie geplant und erhofft. Scheinbar ist G4P mit den Olympischen Spielen überfordert, denn die Firma musste am 11. Juli 2012, also gut zwei vor Beginn der Spiele, einräumen, dass sie die vertraglich vereinbarten 10.000 Mann zur Sicherung des Olympiaparks nicht rechtzeitig zur Verfügung stellen kann. Erst viertausend Leute waren eingestellt. Bewerber und Eingestellte beschweren sich über chaotische Zustände bei G4S. Die britische Tageszeitung 'The Guardian' berichtet von Fällen, in denen Eingestellte und Bewerber keine oder falsche Informationen bekamen, so z.B. zu den Trainingkursen. Viele seien nie an ihrem künftigen Einsatzort gewesen oder wüssten in der Praxis nicht Bescheid mit den Geräten zum Durchleuchten. Aus Sorge um die Sicherheit forderte die britische Regierung am 12. Juli 2012 zunächst 3.500 zusätzliche Soldaten an. Allein aus Deutschland werden rund 2.000 Mann vorübergehend abgezogen. Ob das reichen wird, hängt davon ab, wie viel Sicherheitspersonal G4S in der verbleibenden 14 Tagen noch rekrutieren und schulen kann.

Polizei schließt Sozialkrawalle nicht aus

Seit den "London Riots" vom August 2011 mit Straßenschlachten, Plünderungen sowie brennenden Wohn- und Geschäftshäusern ist auch ein weiteres Sicherheitsrisiko in den öffentlichen Fokus gerückt: Sozialkrawalle. Die sozialen Spannungen werden durch die Sparmaßnahmen der bitischen Regierung noch verschärft, unter denen auch die Sicherheitsbehörden zu leiden haben.

Die Tageszeitung "The Guardian" und die "London School of Economics" haben drei Wochen vor Beginn der Spiele eine aktuelle Studie vorgestellt, in der 130 Polizisten, die 2011 bei den Unruhen eingesetzt waren, befragt wurden. Da sich die wirtschaftliche Lage vieler Briten im Zuge der europäischen Schuldenkrise noch verschlechtert hat, schließt die Polizei noch stärkere soziale Unruhen als 2011 nicht aus. Andererseits befürchtet sie, nicht über die notwendigen Mittel zu verfügen, um im Fall der Fälle entsprechend eingreifen und eine Eskalation verhindern zu können.

Die britische Regierung will im Zuge der Sparmaßnahmen rund 20 Prozent des Polizei-Budgets kürzen und die Gehälter der Polizisten teilweise einfrieren. Die Planungen beinhalten, die Polizeikräfte um 6 Prozent (5.800 Polizisten) zu senken, um Ausgaben zu kürzen. Wenig erfreuliche und motivierende Nachrichten so kurz vor den Olympischen Spielen.

Anschlagsrisiken: Hektische Betriebsamkeit

Nach Auffassung des britischen Geheimdienstes MI5 ist ein Attentat nach dem Vorbild des norwegischen Massenmörders Anders Behring Breivik die größte Gefahr für die Spiele. Konkrete Hinweise liegen allerdings nicht vor. Und dennoch: Am 05. Juli 2012 wurden in London sechs Terrorverdächtige festgenommen. Britische Medien berichteten, die Festnahmen stünden in Zusammenhang mit islamistischen Attentatsplänen in Großbritannien. Die Polizei betonte umgehend, es gebe keinen Bezug zu den am 27. Juli beginnenden Olympischen Spielen. Bereits kurz zuvor griff Scotland Yard in Luton im Norden Londons fünf Verdächtige auf. Sie sollen Pläne geschmiedet haben, mit einem ferngesteuerten Spielzeugauto Sprengstoff in eine Armee-Kaserne zu bringen. Es soll sich aber auch hier um eine "nicht akute Bedrohung" gehandelt haben. Darüber hinaus gab es immer wieder kleinere Aktionen und Festnahmen: Ende Juni waren es zwei zum Islam konvertierte Briten, im April 2012 drei Männer am Londoner Flughafen Heathrow.

Von vielen Beobachtern wird das Verhalten der Sicherheitskräfte als eine Demonstration der Stärke eingestuft. Die Nervosität der britischen Sicherheitskräfte ist aber nicht grundlos. Bereits vor fast sieben Jahre war London am 7. Juli 2005 Ort eines großen Terroranschlages mit islamistischem Hintergrund: Damals detonierten mehrere Bomben in der Londoner U-Bahn sowie in einem Doppeldecker-Bus. 52 Menschen starben. Jonathan Evans, Leiter des Inlandgeheimdienstes MI5, hatte in der britischen Tagespresse zudem wenig Beruhigendes zu berichten: "Es gibt in den Hinterzimmern, und auf den Autositzen und auf den Straßen dieses Land keinen Mangel an Leuten, die terroristische Anschläge hier verüben möchten. Die Bedrohung ist real und sie bleibt uns erhalten".

Terroranschläge auf dem Gelände laufender Olympischer Spiele hat es bereits gegeben: Am 27. Juli 1996 verübte der US-Amerikaner Eric Rudolph während der Olympischen Sommerspiele in Atlanta ein Bombenattentat. Er brachte eine in einem Mülleimer im Centennial Olympic Park von Atlanta deponierte und mit Nägeln gefüllte Rohbombe zur Explosion. Dabei wurden eine 44-jährige Frau getötet und 111 weitere Personen verletzt. Rudolph stand für christlichen Fundamentalismus, Antisemitismus und Hass auf Homosexuelle. Er ist verantwortlich für weitere Anschläge auf Abtreibungskliniken und Schwulenclubs. Im Jahr 1998 übernahm er im Namen der Terrororganisation "Army of God" die Verantwortung für mehrere Bombenanschläge im Raum Atlanta.

Die Polizei hat mithin allen Grund, vor Fanatikern auf der Hut zu sein. In London wird zur Bekämpfung von Terror- und anderen Gefahren eine seit vielen Jahren trainierte Elite-Einheit eingesetzt. Ihre Kommandanten sind von Anfang an in die Erstellung des Sicherheitskonzeptes eingebunden worden. Zudem haben die 3.800 MI5-Geheimdienst-Mitarbeiter während der Spiele Urlaubssperre.

Doch das "Olympia-Chaos" ist nicht der einzige Fall, durch den die Firma G4S bisher negativ in den Schlagzeilen war, denn der "Official Security Services Provider" ist nicht unumstritten. Unter anderem wird ein Zwischenfall im Jahr 2010 kontrovers diskutiert: Auf dem Flughafen Heathrow starb ein Angolaner, der abgeschoben werden sollte. G4S-Sicherheitsleute hatten den Mann mit aller Kraft ins Flugzeug gezerrt und dort gefesselt. Der Angolaner bekam daraufhin Atemprobleme und starb. Die Sicherheitsleute wurden von der Polizei festgenommen.

Boden-Luft-Raketen auf Wohnhäuser

Eine flächendeckende Videoüberwachung der Olympischen Spiele ist in der heutigen Zeit beinahe selbstverständlich und wird auch in London als notwendige Sicherheitsmaßnahme nicht diskutiert. Anders ist dies mit anderen Sicherheitsmaßnahmen. In der Diskussion ist die Stationierung von Boden-Luft-Raketen der Streitkräfte auf Wohnhäusern zur Abwehr von Gefahren aus der Luft. Die umstrittenen Raketenabwehrbasen, beruhigt Olympia-Militärchef General Sir Nick Parker, seien "die letzte Verteidigungslinie".

Ob Boden-Luft-Raketen um das Olympiagelände zur Beruhigung beitragen, ist zumindest zweifelhaft. Eine der Abschussrampen wird auf dem Dach eines Wohnblocks in Bow in Ostlondon aufgebaut. Die 700 Anwohner des Wohnkomplexes wurden von der Regierung per Flugblatt informiert, dass auf dem Dach ihres Hauses künftig Raketen stationiert werden. Die Raketen würden aber nur als "letztes Mittel" abgefeuert, heißt es in dem Flyer, den das Verteidigungsministerium herausgeben hat. Zum Betrieb sollen zudem während der Spiele ständig mindestens zehn Soldaten in dem Gebäude sein. Das System dient dazu, den Luftraum zu überwachen und darf nur als Antwort auf eine extreme Sicherheitsbedrohung in Gebrauch genommen werden. Die Anwohner sind mit einer Klage gegen diese Maßnahmen Anfang Juli 2012 gerichtlich gescheitert.

Zum Sicherheitskonzept für die Olympischen Spiele gehören auch akustische Waffen. Die in den USA gebauten sogenannten "Long Range Acoustic Devices LRAD" sind ein weiteres von vielen Elementen, die zum Schutz der Spiele in London stationiert werden. Sie können sowohl als Lautsprecher etwa für Notrufe über weite Strecken benutzt werden als auch als Waffe. Das Geräusch, das sie abgeben, ist so laut, dass es Menschen vertreibt oder sogar Hörschäden verursachen kann. Die Schallwaffen sollen vor allem bei der Kontrolle des Schiffsverkehrs auf der Themse eingesetzt werden.

Allerdings besteht auch noch Optimierungsbedarf. Am 4. Mai 2012 hat ein britischer Arbeiter Mängel bei den Sicherheitskontrollen auf dem Gelände des Olympia-Parks aufgedeckt. Mit Unterstützung der Zeitung "The Sun" brachte er eine Bomben-Attrappe - bestehend aus einem Plastikbehälter mit Batterien, Kabeln, harmloser Knetmasse und einem Mobiltelefon - unbemerkt in den Park und machte Fotos von der Attrappe an verschiedenen Orten, obwohl er am Eingang angeblich durchsucht worden war. Diese Idee war offensichtlich abgekupfert: Bereits Anfang Januar 2012 sollen britische Polizisten im Rahmen der gewöhnlichen Sicherheits-Vorbereitungen erfolgreich eine Bombenattrappe auf das Olympiagelände geschmuggelt haben. Die "Olympic Delivery Authority" (ODA), die für den Bau der Spielstätten zuständig ist, wollte zu den Meldungen über potentielle Sicherheitslücken keinen Kommentar abgeben. Egal ob nun Polizisten oder Bürger, Fakt bleibt, dass es mehrfach trotz Nachbesserungen im Sicherheitskonzept gelungen ist, Bombenattrappen auf das Olympia-Gelände zu schmuggeln.

Es bleibt die Hoffnung, dass die aufgelisteten Schwachstellen bis zum Beginn der Spiele abgestellt sind.

 

19.07.2012

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