Globale Entwicklungen, Regionale Herausforderungen

Zeremonie in Kunduz – "ein Meilenstein im Übernahmeprozess …"

Von: Rolf Tophoven

IFTUS-Direktor Rolf Tophoven begleitete exklusiv für den Security-Explorer den Befehlshaber des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr, Generalleutnant Rainer Glatz, nach Afghanistan. Lesen Sie seine Eindrücke über einen "Historischen Tag in Kunduz" und die aktuelle Sicherheitslage im Regionalkommando Nord (RC North).

Der Befehlshaber des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr, Generalleutnant Rainer Glatz (links), gemeinsam mit Rolf Tophoven.

Es staubt mächtig, als die schweren Helikopter vom Typ CH 53 auf dem Landeplatz des Camps "Pamir" der afghanischen Armee (ANA = Afghan National Army) am Rande der Provinzhauptstadt Kunduz aufsetzen. Eine hohe deutsche Militärdelegation ist eingeflogen. Generalleutnant Rainer Glatz, Befehlshaber des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr in Potsdam, kommt zu einem historischen Tag. Auch der deutsche Kommandeur des RC North, Generalmajor Pfeffer, ist aus Masar-e Sharif gekommen. Mehr als acht Jahre nach Beginn des Einsatzes in der Unruheregion Kunduz wird an diesem Tag mit einer gemeinsamen Zeremonie der Übergabeprozess der Sicherheitsverantwortung an die afghanische Seite eingeleitet. Verantwortungsbereich für die afghanischen Sicherheitskräfte sind neben Kunduz-Stadt fünf der sechs Distrikte dieser Provinz. "Allerdings beginnt heute erst ein Übernahmeprozess, der sich sukzessiv vollzieht und erst in zwölf bis 18 Monaten ganz abgeschlossen sein wird", erklärt General Glatz das Projekt.

Bevor es offiziell wurde

Ein beeindruckendes Areal ist mit internationaler Hilfe im Pamir-Camp in den Boden geklotzt worden. Heute herrscht hier großer Auftrieb. Die Afghanen feiern sich, ihre deutschen Gäste und andere Gäste der "ISAF-Familie". Pickups mit aufgesessenen afghanischen Sicherheitsleuten fahren Stoßstange an Stoßstange auf. Geschützte Jeeps der Polizei und Armee karren Prominente heran: afghanische Politiker und Ehrengäste, Mullahs aus den umliegenden Dörfern, Politiker aus Kabul, daneben hohe afghanische Militärs mit eindrucksvollen Orden und Ehrenzeichen auf der Brust. Sicherheit überall! Am wolkenlosen Himmel kreisen Apache-Kampfhubschrauber. Die US-Airforce sichert aus der Luft. Afghanische Soldaten kontrollieren und beobachten  am Boden. Assistiert wohl auch von Männern des afghanischen Geheimdienstes ND. Die Übernahme-Zeremonie ist auf gut drei Stunden angesetzt. Vor dem offiziellen Teil ein kurzer Empfang für die internationalen Gäste durch afghanische Repräsentanten.

Der Empfangsraum wirkt blank geputzt. In den Schränken reihen sich – fein säuberlich platziert – Aktenordner. Sie dokumentieren: Hier hat ein Zipfel deutscher Ordnung Platz genommen. "Wie lange das so bleibt", scherzt ein deutscher Soldat, "wissen wir nicht." Er hat Recht – preußische Disziplin am Hindukusch?

Hohe Generäle der ANA betreten den Raum. Hektik bei den afghanischen Sicherheitsleuten. Die deutschen Personenschützer bleiben gelassen, aber wachsam. Herzliche Begrüßung zwischen General Glatz und dem Stabschef der ANA, dem Vier-Sterne-General Sher Mohammad Karimi. Man kennt sich über Jahre. Konversation in Englisch. In Dari wendet sich der Kommandeur des 209. ANA Corps, General Weza, an den Befehlshaber des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr. Der Sprachmittler übersetzt! Es herrscht Vertrauen zwischen den Generälen – das vermittelt die Lockerheit der Gespräche. "Afghanistan basiert auf einer Vertrauensgesellschaft", sagt Oberst i. G. von Butler, Gruppenleiter in Potsdam für Afghanistan. Auch der Vertreter des Auswärtigen Amtes in Kunduz, Dr. R., ist inzwischen eingetroffen. Dunkler Anzug, Krawatte – diplomatisch korrekt. Die Klimaanlage surrt. Draußen steigt die Temperatur auf 45 Grad! Nach einem Tee und Kaffe setzt sich der Pulk der Geladenen vorbei an einer Ehrenformation der ANA zum eigentlichen Veranstaltungsort – eine riesige Halle – in Bewegung.

Generalleutnant Rainer Glatz (links) im Gespräch mit dem Stabschef der afghanischen Armee (ANA), General Sher Mohammad Karimi.

Viele Redner – das gehört dazu in Afghanistan

Vor den Gästen liegt eine lange traditionelle afghanische Zeremonie. Reden, Reden, Reden – das ist hier Brauch. In der großen Halle sind hunderte Plätze reserviert. In Reihe eins afghanische Würdenträger aus der Provinz Kunduz, an der Spitze der Gouverneur Mohammad Anwar Jegdalek. Aus Kabul ist Innenminister Besmillah Khan Mohammadi angereist, der  höchste Ehrengast. Dies soll die Bedeutung des Tages unterstreichen. Er sitzt neben Generalleutnant Rainer Glatz. An der Stirnseite prangt riesengroß das Konterfei des afghanischen Päsidenten Karzai. Vor Beginn der Reden werden traditionell Texte aus dem Koran vorgetragen, dann die Nationalhymne. Afghanische Offiziere grüßen perfekt durch "Anlegen der rechten Hand an die Kopfbedeckung", wie es bei der Bundeswehr heißt.

Dann spricht als erster Gouverneur Jegdalek. Kameras surren, die Personenschützer von der Feldjägertruppe für die deutsche Delegation um General Glatz beziehen Position. "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser", sagt einer, der aus dem hinteren Teil der Halle die ganze Veranstaltung überblickt. Furcht vor einem sogenannten Innentäter schwingt immer mit, seit ein afghanischer Wachposten im OP North am 18. Februar 2011 mit seiner AK 47 Kalaschnikow drei deutsche Soldaten erschoss, acht weitere verletzte, vier davon schwer,  bevor er selbst erschossen wurde. "Ein Anschlag hier gegen afghanische Würdenträger und hohe Politiker und deutsche Militärs, darunter ein Drei-Sterne-General wäre ein Triumph für die Aufständischen gewesen, denn hier im Camp Pamir gab es heute ein Atomziel", sagt Oberst T. aus dem Stab von General Glatz.

Als letzter in der Schlange der Redner spricht schließlich Generalmajor Erich Pfeffer, Kommandeur des RC North. Der deutsche General macht es kurz und treffend. Er skizziert die Leistungen im Aufbau von ANA in den letzten Jahren, lobt die Zusammenarbeit mit Politik und Sicherheitskräften im Raum Kunduz und preist den Tag als "Meilenstein im Übernahmeprozess in Nord Afghanistan". Weiter sagt der General , das Volk in Nord Afghanistan und in der Provinz Kunduz sei bereit für die Übernahme der Sicherheit, jedoch sei nach fast 30 Jahren Krieg dieser Prozess Schritt für Schritt einzuleiten.

Zuvor hatte Innenminister Bismillah Khan Mohammadi darauf hingewiesen, dass die Sicherheitslage in der Region sich "deutlich zum Positiven" verändert habe. Trotzdem würden die internationalen Truppen weiter zur Ausbildung und Ausrüstung der afghanischen Sicherheitskräfte benötigt. Ein Blick in die Statistik der Bundeswehr bestätigt diese Aussage. Seit mehr als einem Jahr hat die Bundeswehr am Hindukusch  keinen Gefallenen mehr  zu beklagen. Im nordafghanischen Einsatzgebiet kommt es dennoch immer wieder zu Angriffen, bei denen auch deutsche Soldaten verwundet werden. Oft haben Soldaten dabei viel Glück gehabt. Es gibt einen positiven Trend – aber er ist noch lange nicht unumkehrbar.

Der Anfang ist gemacht

Nach der "Redeschlacht" drängt alles hinaus in die Hitze von 45 Grad. Über dem Kasernengelände zerhacken die Rotoren der US-Kampfhubschrauber weiterhin die Luft. Sicherheit aus der Luft, für einen für ISAF und Afghanistan gleichermaßen  historischen Tag in Kunduz.

Die deutsche Flagge wird eingeholt, die Nationalhymne Afghanistans krächzt aus dem Lautsprecher, der Commander RC North, der deutsche General Pfeffer, schüttelt während der Klänge der Hymne die Hand seines afghanischen Partners Weza. Hinter Pfeffer salutiert Generalleutnant Glatz. "Dies ist erst der Beginn der vollen Übernahme des PRT Kunduz. In zwölf bis 18 Monaten soll die alleinige Verantwortung bei den Afghanen liegen", erklärt der Befehlshaber  des Einatzführungskommandos der Bundeswehr.

Die Sonne knallt unbarmherzig, ein schwacher heißer Lufthauch weht über das Areal, kein Baum, kein Schatten. Die Ehrenformation der ANA präsentiert mit Kalaschnikow. Die kennen alle von Kindesbeinen an – sagt ein deutscher Beobachter. Zynisch fährt er fort: Der Afghane wird mit der Waffe geboren – doch so stimmt es nicht. Im Ausbildungslager der Polizei am nächsten Tag üben die Azubis in dunkelgrün noch recht stümperhaft die Lauf- und Schlosswechsel an der Waffe. Inzwischen rückt die Ehrenkompanie ab. Stoisch haben sie in Hitze und Staub ausgehalten.

"Vor wenigen Jahren hätte es solche positiven Bilder von den afghanischen Sicherheitskräften noch nicht geben können. Viel haben sie jetzt im Kontext von Partnering und Mentoring gelernt, und sie sind lernwillig, ja sogar wissbegierig würden wir wohl sagen. Vergessen Sie nicht – wie manche in Deutschland – hier stoßen ethnische und kulturelle Kreise aufeinander. Fingerspitzengefühl, Verständnis für den anderen und Vertrauen bestimmen hier die Szene",  sagt Oberst i.G. von Butler aus dem Einsatzführungskommando der Bundeswehr in Potsdam. Recht hat er: Preußentum geht nicht am Hindukusch!

Das Ende der fast dreistündigen Zeremonie: Personenschützer umringen den Konvoi der VIPs. Es geht zum traditionellen Essen. Auf den staubigen Straßen des Camps stauen sich Polizei und Armeefahrzeuge, ANA und ANP demonstrieren Zusammenhalt und Geschlossenheit. Doch dieser Schein trügt. Die ANA ist ausbildungsmäßig weiter als die Polizei und ihre lokalen Kräfte.

Am Ende der "Transition"-Zeremonie erklingt ein herzliches "Farewell" für die deutschen Gäste durch die Afghanen. Dann peitschen die Blätter der CH 53 Transporthubschrauber der BW riesige Staubwolken und feine "Sandgeschosse" über den Platz, bevor General Glatz und seine Delegation in den Bäuchen der Maschine Platz nehmen und die Helikopter in Richtung Mazar-e Sharif abheben. Eine wichtige, vielleicht Hoffnung gebende Etappe auf dem langen Weg zur Befriedung Afghanistans hatte ihren Anfang genommen.

Ein "Doorgunner" der Bundeswehr im Hubschrauber CH 53.
13.08.2012

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