Globale Entwicklungen, Regionale Herausforderungen

Al Qaida findet hier nicht statt – die Lage der Insurgents/Taliban im Regionalkommando Nord (RC North)

Von: Rolf Tophoven

Schutz ihrer Lager, Schutz der Patrouillen sowie Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte prägen neben ISAF und zivilen Aufgaben das Leben der deutschen Soldaten am Hindukusch. Die Nordregion unter Kommando und Verwaltung der Bundeswehr galt in der Frühphase des Einsatzes bis ca. 2006 als relativ sicher, trotz einzelner Anschläge gegen die genannten PRTs (Provincial Reconstruction Teams), als die ja der Einsatz konzipiert war.

Mit zunehmender "Wanderung" von Talibanelementen aus Pakistan und dem Osten Afghanistans eskalierte langsam die Lage und vom "Brunnenbauer" mutierte der deutsche Soldat zu einem "Stabilisator" der Sicherheit im Nordbereich. Vom Stabilisierungseinsatz wandelte sich der Einsatz – auch als Ergebnis der Erfolge bei der Terror- und Guerillabekämpfung – zu einem Partnering- und Mentoring-Vorgehen: "Hilfe zur Selbsthilfe" lautete das Schlagwort oder besser Partnering mit den Afghanen (ANA u. ANP). Heute steht man beim Mentoring, worunter die Bundeswehr Ausbildung und Schulung der ANA in Führung, Logistik, Aufklärung, Elektronik sowie Stabsarbeit versteht. "Sie kämpfen gut in vielen Bereichen", sagen die Experten im Stab von Brigadegeneral Marlow in Mazar-e Sharif.

Im OP North.

Wer sind die Aufständischen?

Marlow selbst, zuständig für den gesamten Sicherheitsbereich im Regionalkommando Nord, sagt: "Die Lage im RC North ist derzeit ziemlich stabil. Die Insurgents (Aufständische) operieren nicht mehr in großen Gruppen. Das können sie nicht mehr koordinieren. Stattdessen formieren sie sich in Zirkeln von zehn bis 15 Männern." Geschätzte 2.500 bis 3.000 Insurgents vermutet man im Kommandobereich vom RC North. Al Qaida findet hier nicht statt. Es sind lokale Kader aus den diversen Ethnien, Paschtunen ebenso wie Usbeken oder Tadschiken.

Häufig sind die Motive eines Anschlags weniger im politischen Sektor zu suchen. Es geht oft um Kriminalität, ideologische Unzufriedenheit oder auch um rein persönliche Motive. Auch sollen bestimmte "Claims" für die Zeit nach Rückführung der ISAF bereits abgesteckt werden. Ein relativ geringer Teil der Insurgents – ca. 15 bis 25 % – wird von politisch ideologischen Vorstellungen angetrieben. Diese Kräfte wollen einen Regierungswechsel und einen Gottesstaat. Konzentriert sind diese "Hardcore"-Kommandos in den Provinzen Faryab und Baghlan. Beide Regionen sind zwei von neun Provinzen im Verantwortungsbereich de RC North.

Wie operieren die Terroristen?

Die Nachrichtendienste von Nato und ISAF kennen Verbindungen und Spuren dieser Kräfte. Sie führen nach Pakistan. Terrorkommando werden dort im Grenzgebiet zu Afghanistan ausgebildet und ins Nachbarland zurückgeschleust. Doch zuletzt wurden diese Netzwerke durch ISAF-Operationen massiv geschwächt oder sogar zerschlagen. Aufständische gerieten in Gefangenschaft und berichteten von spürbarer Zurückhaltung mancher Schlüsselfiguren, nach Nord-Afghanistan zu infiltrieren. Trainierte Kämpfer aus Pakistan hielten sich merklich zurück, so ein Nachrichtenoffizier des RC North.

Schon seit längerem greifen Aufständische nicht mehr in größeren Gruppen ISAF-Verbände, auch die Bundeswehr, direkt und konzentriert an. Andererseits ist nach wie vor der Angriff mit IEDs (IED = improvised explosive device) die größte Gefahr für die ISAF-Verbände. Diese versteckt verlegten Bomben sind das bevorzugte Gefechtsmittel der Insurgents. Die IEDs richten sich mit Masse inzwischen nicht mehr gegen Patrouillen der Bundeswehr. Zielobjekte sind vielmehr die afghanischen Sicherheitskräfte (ANSF), bevorzugt die Polizei. Dagegen ist die afghanische Armee (ANA) besser gerüstet und ausgebildet. Zweidrittel aller IED-Zwischenfälle gelten der ANA, ein ebenso hoher Prozentsatz, sagt die Bundeswehr wird auch von ihnen entdeckt bzw. entschärft.

Differenzierte Lagebeurteilung

Als Fazit für die aktuelle Sicherheitslage gilt: "Das Niveau der Anschläge ist zwar runtergegangen, die Entwicklung der IED-Angriffe ist jedoch nach wie vor besorgniserregend", resümiert General Glatz, "wir dürfen uns nicht in die Tasche lügen, sondern müssen in der Lagebewertung differenzieren. Während Angriffe mit IEDs gegen unsere Soldaten rückläufig sind, steigen die Schläge gegen die ANA und Polizei. Das sind aber unsere Partner, die bilden wir aus. Ebenso steigen die zivilen Opfer." Nach Einschätzung des Befehlshabers versuchen die Insurgents dadurch Moral und Ansehen der afghanischen Sicherheitskräfte zu unterminieren. Ebenso seien Anschläge gegen hohe Politiker Afghanistans nicht auszuschließen, um so zu demonstrieren, auch ISAF-Truppen können euch nicht schützen. Das, so General Glatz, sei auch in Zukunft mehr und mehr zu befürchten.

Positiv im Kontext der Terror-Abwehr wird die Tatsache gesehen, dass zunehmend auch Hinweise über verlegte IEDs aus der afghanischen Bevölkerung, oft unter Lebensgefahr, an die ISAF gegeben werden. "Unser Erfolg muss in einem Gesamtpaket liegen. Die Insurgents wissen, dass sie militärisch nicht gewinnen können, aber IEDs medial eine zum Teil hohe Wirkung haben. Dagegen stehen hier im Nordbereich ca. 45.000 Sicherheitskräfte", sagt Brigadegeneral Marlow vom RC North. Diese Kräfte sind basismäßig, so die Experten der Bundeswehr, auf einem guten Weg. Was noch fehlt ist Kenntnis über Führung. Nachrichtenwesen, Logistik und Elektronik. Hier soll das neue Konzept des Mentoring durch die Bundeswehr greifen. Mit gutem Erfolg zeigt sich das auch bei der Ausbildung afghanischer Spezialeinheiten, aber auch der ALP (Afghan Local Police) durch Ausbilder der US-Special Forces.

"Nach der Rückführung der ISAF 2014 wird man uns im Bereich der Ausbildung auch weiter benötigen. Das afghanische Volk braucht jetzt das feste Vertrauen, dass es von der internationalen Gemeinschaft nach 2014 nicht alleine gelassen wird. Alleine schon mit dieser Botschaft fällt und steht der Erfolg", sagt Oberst i.G. von Butler vom Einsatzführungskommando der Bundeswehr.

Generalleutnant Rainer Glatz, Befehlshaber des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr (links), gemeinsam mit Rolf Tophoven (rechts) im OP North.
13.08.2012

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