Globale Entwicklungen, Regionale Herausforderungen

Kampfstoff Sarin – zu gefährlich, um eingesetzt zu werden

Von: Martin Neiß (M.A.) und Dr. Hans-Walter Borries

Am 21. August 2013, während des Bürgerkriegs in Syrien, geschieht etwas, das die Menschen bisher weitgehend aus ihrem Bild vom Krieg verdrängt haben: Truppen des amtierenden syrischen Präsidenten Baschar Hafiz al-Assad sollen einen Vorort der syrischen Hauptstadt Damaskus mit chemischen Waffen beschossen haben. Bei diesem Angriff sollen nach widersprüchlichen Angaben über 1.700 Menschen getötet worden sein. Nach Ansicht von UN-Inspektoren soll es sich bei dem eingesetzten Kampfstoff um das Nervengift Sarin gehandelt haben.

Sarin (Methylfluorphosphonsäureisopropylester) ist einer der tödlichsten chemischen Kampfstoffe überhaupt. Entwickelt 1938 vom deutschen Chemiker Gerhard Schrader, ist Sarin heute neben VX der am häufigsten hergestellte Nervenkampfstoff. Es wird sowohl über die Atmung als auch über die Haut aufgenommen. Eingeatmet führt der Stoff innerhalb weniger Minuten zum Tod, bei Hautkontakt dauert es etwa eine halbe Stunde. Die Vergiftungssymptome beginnen mit Kopfschmerzen und Atemnot, starkem Speichelfluss und Sehstörungen. Schließlich stirbt das Opfer qualvoll unter Krämpfen und Atemnot.

Beim Stichwort Giftgas dachten die Meisten bis vor kurzem an das entsetzliche Leid in den Grabenkämpfen während des Ersten Weltkriegs, nicht aber an eine Bedrohung des 21. Jahrhunderts.

Historie der chemischen Kampfstoffe
Blickt man auf die Geschichte der chemischen Kriegführung, so fällt auf, dass die zu Beginn des 20. Jahrhunderts eingesetzten Stoffe relativ simpel waren, was deren Herstellung und Verwendung betraf. Sie waren zwar auch durchaus tödlich, standen aber in ihrer Wirkung hinter den Substanzen der neuesten Generation weit zurück. Heutige Stoffe wie Tabun, Soman, VX und das wesentlich bekanntere Sarin sind im Gegensatz zu den C-Waffen des Ersten Weltkriegs wahre Designerwaffen, die dafür konzipiert wurden, Menschen mit nur geringsten Dosen auf der Stelle zu töten und ganze Landstriche über Tage hinweg zu verseuchen.

Nachdem die Wissenschaft in den 1920er-Jahren begriffen hatte, wie der menschliche Stoffwechsel funktioniert, konnten Stoffe entwickelt werden, die explizit auf verschiedene Funktionen des menschlichen Körpers einwirken. Mit den neuen chemischen Kampfstoffen, die von deutschen Wissenschaftlern Ende der 1930er-Jahre entwickelt wurden, hielt man das erste Mal eine Waffe in Händen, die zu gefährlich war, um eingesetzt zu werden. Zwar war man den Alliierten in der chemischen Kriegsführung bei weitem überlegen, scheute sich aber, die neuen Waffen im Krieg einzusetzen. Die Historiker sind sich heute weitestgehend darüber einig, dass dies vor allem daran lag, dass die Wehrmacht über keine geeigneten Mittel verfügte, um sich selbst vor den eigenen tödlichen Kampfstoffen zu schützen. Die besten Schutzanzüge der Wehrmacht hätten nur bedingt Schutz gegen die neuen Nervengifte geboten. Binnen weniger Stunden hätten sich die Substanzen durch das Material gefressen und den Träger unweigerlich verseucht.

Obwohl man im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs einen massiven Einsatz von chemischen Kampfstoffen weiterhin als denkbare militärische Option ansah, zögerten auch die Alliierten, diese Waffen einzusetzen. Zum einen lag dies wohl darin begründet, dass man von den Fortschritten der Deutschen auf diesem Gebiet wusste, zum anderen fürchtete man eine Eskalation im Bombenkrieg und die Auslöschung ganzer Städte durch Gas. Zum anderen hatten sich bereits während des Ersten Weltkriegs die begrenzten taktischen Möglichkeiten der C-Waffen offenbart, da die Armeen relativ schnell auf diese Bedrohung reagierten und ihre Soldaten besser schützten. Weitaus verheerender zeigt sich der Einsatz von C-Kampfstoffen, in Hinblick auf die Folgen für die ungeschützte Zivilbevölkerung.

Bereits im Abessinienkrieg zielte die italienische Armee mit dem Einsatz von C-Waffen vor allem auf die Zerstörung der nur bedingt verfügbaren Ackerflächen im Wüstenland, die systematisch mit Senfgas vergiftet wurden. Der bisher größte Einsatz von Nervenkampfstoffen gegen Zivilisten fand jedoch im Ersten Golfkrieg statt. Besonders von irakischer Seite wurden hier planmäßig C-Waffen in großem Stil eingesetzt. Traurige Bekanntheit erlangte hier das Dorf Halabdscha, wo am 18. März 1988 durch C-Waffen, unter anderem Sarin, 3.200 bis 5.000 Zivilisten auf qualvolle Weise den Tod fanden, darunter viele Frauen und Kinder. 7.000 bis 10.000 Menschen wurden zum Teil so schwer verletzt, dass sie dauerhafte Schäden davontrugen. Bis heute tritt in dem Ort eine hohe Rate von Krebserkrankungen und Fehlbildungen bei Säuglingen auf.

Die im Jahre 1997 in Kraft getretene Chemiewaffenkonvention soll die Entwicklung, Herstellung, Lagerung und den Einsatz chemischer Waffen unterbinden und schreibt die Vernichtung solcher Waffen vor. Trotzdem sind noch immer viele C-Waffen im Umlauf, teils, weil einige Staaten die Konvention noch nicht unterschrieben haben, teils, weil es immer noch versteckte C-Waffenprogramme auf der Welt gibt

Heutige Verfügbarkeit von Chemiewaffen
Für den Terrorismus waren C-Waffen bisher eher unattraktiv, was vor allem an deren Unberechenbarkeit, aber auch an deren mangelhafter Verfügbarkeit lag. Regime, die über solche Waffen verfügten, waren – da man von deren Gefährlichkeit wusste – wenig gewillt, Terrororganisationen den Schlüssel zu den Giftschränken zu übergeben.

Mit Beginn des sogenannten Arabischen Frühlings hat sich die Lage jedoch grundlegend gewandelt. So wurden etwa nach dem Sturz des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi in der Wüste große Bestände an Senfgas entdeckt, obwohl man vorher der Annahme war, dass das Land über solche Waffen nicht verfüge. Schließlich hatte der Staat die Chemiewaffenkonvention ratifiziert und unterschrieben.

Heute sind nicht nur die Stoffe verfügbar, auch haben terroristische Verbindungen Kontakt mit Entwicklern dieser Waffen, die sie aus den Reihen der ehemaligen Despoten rekrutieren. So gibt es vermehrt Hinweise auf geheime C-Waffen-Labore terroristischer Organisationen. Zuletzt meldeten irakische Stellen die Aushebung eines Labors im Land, in dem Giftstoffe wie Sarin hergestellt und für den Einsatz in Europa und den USA vorbereitet wurden. So tauchen die in solchen Einrichtungen  erzeugten Stoffe gelegentlich auch in Europa auf.

Ein besonders Problem im Hinblick auf die Produktion von chemischen Waffen ist der Dual-Use-Faktor bei vielen Stoffen. Zum einen können viele Ausgangsstoffe für völlig harmlose chemische Präparate aus der zivilen Nutzung auch in C-Waffen eingesetzt werden. Beispielsweise sind sich Pestizide und Nervenkampfstoffe in ihrer Zusammensetzung und im Hinblick auf die Herstellungsprozesse äußerst ähnlich, vor allem was die Verwendung von Phosphorverbindungen betrifft. Zum anderen gibt es aber auch Stoffe, die in der Geschichte bereits als Kampfstoffe Verwendung fanden und heute im großen Stil zivil genutzt werden. Chlor ist aus den Wasseraufbereitungssystemen von Schwimmbädern nicht mehr wegzudenken, und Phosgen, einer der tödlichen Lungenkampfstoffe des Ersten Weltkriegs, ist heute eine nützliche Grundsubstanz in der Kunststoffindustrie.

Sollte die Weltgemeinschaft nicht angemessen auf den C-Waffeneinsatz in Syrien reagieren, wäre dies ein verhängnisvolles Signal an all jene, die diesen Trumpf bisher nicht ausgespielt haben. Despoten werden hier die Möglichkeit erkennen, Aufstände schnell und effizient niederzuschlagen, Terroristen werden das psychologische Potential dieser Waffen für ihre Ziele entdecken. Die jüngst eingeleitete Vernichtung der C-Waffen-Bestände in Syrien durch die UN ist ganz sicher ein erster Schritt in die richtige Richtung.

18.10.2013

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