Sicherheit bei Großveranstaltungen, Sicherheitspolitik international

Sotschi – Eine Bombenveranstaltung? – Gefährdungslage und Sicherheit bei den Olympischen Winterspielen 2014

Von: Kai Hirschmann

Die olympischen Spiele von Sotschi vom 7. bis zum 23. Februar 2014 sollen Russland nach Medienberichten ca. 50 Milliarden US-Dollar kosten. Sie sind damit die teuersten Spiele aller Zeiten. Es gibt vier Kategorien von Ausgaben: erstens für die Durchführung der 17 Tage dauernden Spiele, zweitens für den Bau der Sportstätten, drittens für die städtische Infrastruktur und schließlich viertens für Sicherheitsmaßnahmen.

Enormer Sicherheitsaufwand
Rund zwei bis drei Milliarden US-Dollar – so hoch schätzen Experten allein die Aufwendungen Russlands für die Sicherheit vor und während der Spiele 2014. Das ist das Doppelte der Ausgaben für Sicherheit vor und während der Olympischen Spiele in Vancouver 2010. Die Summe entspricht in etwa dem Etat des Inlandsgeheimdienstes FSB für das Jahr 2011 oder einem Siebtel des russischen Wehretats.Am 1. September 2013 unterzeichnete Präsident Putin ein Sonderdekret über entsprechende Sicherheitsmaßnahmen. Es sieht für den Zeitraum vom 7. Januar bis zum 21. März 2014 für die Stadt Sotschi und ihre Umgebung eine Sicherheitszone vor. Autos aus anderen Regionen Russlands dürfen nicht in die Stadt hinein, die Regeln für die Gepäckbeförderung in Flugzeugen wurden verschärft. Schon während der Bauarbeiten mussten Arbeiter und Ingenieure fortwährend mit Ausweiskontrollen rechnen. Auch die Baustellen werden streng überwacht: Arbeiter und Baumaterialien werden mit Metalldetektoren und Röntgengeräten untersucht. Im Olympiapark, in dem sich die meisten Stadien befinden, zeichneten bereits vor Beginn der Spiele 70 Überwachungskameras alle Bewegungen auf. Insgesamt sollen Tausende von Videokameras alles Verdächtige festhalten. Auch der Aufwand an Sicherheitskräften ist enorm: Russland bietet über 50.000 Polizisten, Geheimdienstler und Soldaten auf. Zwölf Drohnen werden nach Beginn der Spiele Sotschi aus der Luft überwachen, Streifenboote des Inlandsgeheimdienstes FSB und U-Boote patrouillieren an der Küste. Kampfjets des Typs Su-27 stehen in Alarmbereitschaft auf der Luftwaffenbasis Krymsk und moderne S-400 Boden-Luft-Raketen sollen mögliche Angriffe aus der Luft abwehren. Unterstützt wird der Sicherheitsapparat durch ein weltraumgestütztes Überwachungssystem. Das Gebiet um Sotschi wurde in zwei Sicherheitszonen unterteilt. Zum einen gibt es eine „kontrollierte Zone“ in der Nähe von olympischen Sportstätten. Hier haben nur Personen mit Eintrittskarten Zugang, die auch ihre Identität nachweisen können. Zum anderen gibt es eine „verbotene Zone“, die einen großen Bereich rund um Sotschi umfasst. Nicht registrierte Fahrzeuge und solche ohne gesonderte Akkreditierung erhalten keinen Zugang zur Stadt. Problem: Die 400.000-Einwohner-Stadt Sotschi erstreckt sich entlang der Küste – auf über hundert Kilometern. Olympiastadion, Pressezentrum sowie die Hallen für Eishockey, Eisschnelllauf und Eiskunstlauf liegen am Meer. Eine 71 Kilometer lange neue Schnellzugstrecke führt von dort durch die Berge zu einem der beiden Olympiadörfer, zu Skipisten und Luxushotels – aufgrund dieser Weitläufigkeit ein großer Anlass zur Sorge für alle Sicherheitsverantwortlichen. Eine entscheidende Rolle beim Schutz dieses schwer überschaubaren Geländes kommt Eliteeinheiten von Armee, Geheimdiensten und Innenministerium, den Speznas-Truppen, zu. In der Region Krasnodar, zu der Sotschi gehört, werden neben den etablierten Sicherheitskräften auch neu gegründete Kosakeneinheiten zur Verfügung stehen, um das Olympiagelände vor „verdächtigen Elementen“ zu schützen.

Risiken und Bedrohungen
Bei diesem großen Sicherheitsaufwand stellen sich natürlich viele Fragen: Ist er berechtigt? Vor wem sollen die Spiele eigentlich konkret geschützt werden? Die Winterspiele nach Sotschi zu holen, war von Anfang an riskant, denn der Austragungsort liegt in der problembehafteten Kaukasus-Region, in der es seit langem brodelt und immer wieder zu Ausschreitungen kommt. Die Geschichte des Nordkaukasus ist bereits seit der Besetzung durch das zaristische Russland von Gewalt geprägt – und seit den 1990er-Jahren insbesondere vom islamistischen Terrorismus. In unmittelbarer Nachbarschaft Sotschis liegen mithin Gebiete, die als Brennpunkte der Gewalt gelten. Die Provinzen Kabardino-Balkarien, Inguschetien, Tschetschenien und Dagestan – teilweise nur 300 Kilometer von Sotschi entfernt – sind Operationsgebiete islamistischer Terroristen. Seit dem ersten großen islamistischen Terroranschlag, bei dem tschetschenische Dschihad-Fanatiker 1995 im südrussischen Budjonnowsk Patienten und Ärzte eines Krankenhauses als Geiseln nahmen, starben in Russland bei islamistischen Terroranschlägen 2.240 Menschen, 5.881 wurden verletzt. Allein 2013 erschütterten 33 Anschläge den Nordkaukasus, dabei starben allein seit Oktober 2013 139 Menschen.

Abbildung: Die Kaukasus-Region und Sotschi (Quelle: www.crp-infotec.de)

In der Gewaltstatistik ragt insbesondere Dagestan heraus. Von 144 Terroranschlägen zwischen Januar und September 2013 entfielen 122 auf diese größte nordkaukasische Teilrepublik mit ca. drei Millionen Einwohnern und Dutzenden Ethnien bzw. Volksgruppen. Sie ist zwar rund 1.000 km vom olympischen Gelände in Sotschi entfernt, doch räumliche Distanz spielt für den islamistischen Terrorismus aus dem Kaukasus keine Rolle. Das zeigen insbesondere die Anschläge in Wolgograd: Am 21. Oktober 2013 wurde dort ein Linienbus von einer jungen Selbstmordattentäterin aus dem dagestanischen Bergdorf Gunib in die Luft gesprengt (sechs Tote), die als menschliche Bombe mehr als 800 km zum Tatort anreiste. Ende Dezember 2013 (29.12. und 30.12.2013) töteten zwei weitere Bombenanschläge in einem Linienbus und im Hauptbahnhof von Wolgograd 34 Menschen und verletzten 72. Diese Anschläge innerhalb weniger Stunden schürten weitere Sorgen um die Sicherheit der Olympischen Winterspiele. Die deutschen Sicherheitsbehörden – und nicht nur sie  rechnen laut der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS 05.01.2014, S. 1) damit, dass es im Zusammenhang mit den Olympischen Winterspielen in Sotschi zu weiteren Terroranschlägen in Russland kommen wird.

Was sagen die Dschihad-Terroristen selbst dazu? Auch das ist inzwischen bekannt. An prominentester Stelle erklang eine Drohung gegen die Winterspiele in Sotschi von Doku Umarow. Doku Chamatowitsch Umarow, 49 Jahre, ist Absolvent eines Ingenieursstudium an der Universität Grosny und trägt die Kennung „QI.U.290.11“ in einer UN-Auflistung von Personen, die mit dem Dschihad-Netzwerk der Al-Qaida in Verbindung stehen. Von den russischen Behörden wird Doku Umarow seit dem Jahr 2000 gesucht. Umarows Ziel ist ein „Islamisches Emirat Nordkaukasus“, das mittels eines Dschihad-Terrorkampfes durchgesetzt werden soll. Das russische Innenministerium schätzt die Zahl der Dschihad-Kämpfer im Nordkaukasus auf 600, organisiert in rund 40 Gruppen. Bis zu 400 weitere Extremisten aus dem Kaukasus sollen sich zurzeit islamistischen Gewaltgruppen in Syrien angeschlossen haben.

Anfang Juli 2013 meldete sich Doku Umarow mit einer Video-Botschaft zu Wort. Am Austragungsort der Olympischen Spiele seien „die Gebeine unserer Vorfahren begraben“. Deshalb appellierte er an die „Mudschahedin“ (Dschihad-Kämpfer), die Olympischen Spiele „mit allen uns von Allah erlaubten Mitteln zu verhindern“. Nach anderthalbjähriger Pause erlaubte Russlands Staatsfeind Nummer eins damit zu diesem besonderen Ereignis erstmals ausdrücklich wieder Anschläge auf Zivilisten. Es könnte also heiß werden in Sotschi – nicht nur auf Grund des subtropischen Klimas.

14.01.2014

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