Innere Sicherheit, Sicherheitspolitik national

Rechtsextremistische Erlebniswelt: Altes Denken – neue Formen

Von: Dr. Thomas Pfeiffer, Wissenschaftlicher Referent beim Verfassungsschutz NRW

Das Bild des Rechtsextremismus war nie moderner als heute. Menschenverachtenden, rückwärtsgewandten Botschaften stehen zeitgemäße Aktionen und Erscheinungsformen gegenüber. Sie erhöhen die Chancen rechtsextremistischer Gruppen, ihre Inhalte an Jugendliche heranzutragen. Beispiele sind Schulhof-CDs, Flashmobs oder Videoclips.

Für fast alle Rechtsextremisten sind Jugendliche die Zielgruppe Nummer eins. Gerade an sie richtet diese Szene ihre wichtigsten Werbebotschaften: „Kameradschaft“ und Zusammenhalt in unsicheren Zeiten. Entsprechend spiegelt sich der neue Schein des Rechtsextremismus besonders deutlich in Jugend-Medien wie CDs, Comics, Schülerzeitungen, Internetseiten, Profile und Clips in Online-Communitys. Solche Medien sind Teil einer „Erlebniswelt Rechtsextremismus“, die als strategisches Instrument dient und den Reiz dieser Szene auf Jugendliche bestimmt. In der Erlebniswelt Rechtsextremismus verschmelzen Action, Gemeinschaft und Freizeitangebote mit rechtsextremistischen Botschaften. Feindbilder und rassistische Identitätsangebote sind allgegenwärtig, aber auch Tarnungstendenzen nehmen zu: Aktivisten hüllen demokratiefeindliche Vorstellungen in Andeutungen und verwenden unverdächtige Codes statt einschlägiger Symbole.

Den Rechtsextremismus – menschenverachtendes Denken und Handeln – eine „Erlebniswelt“ zu nennen, mag irritieren. Was ist gemeint? Der Begriff umfasst alle Formen, mit denen sich Rechtsextremisten gezielt an Jugendliche wenden und in denen sich rechtsextremistischer Inhalt und Freizeitgestaltung verbinden. Rechtsextremistische Erlebnisangebote finden fast immer in Gruppen statt. In der Regel handelt es sich dabei nicht um fest und formal-hierarchisch strukturierte Organisationen, sondern eher um lose Kreise oder Cliquen. In dem Maße, in dem die Anbindung an die Szene enger wird, ideologische Prämissen zur Überzeugung werden, verdichten sich Unterhaltung und Gruppenzugehörigkeit zum „way of life“. Äußere Erscheinungsbilder prägen das Image der Szene: Je moderner ihr Look, desto höher die Anziehungskraft. Auch deshalb übernehmen heute viele Rechtsextremisten Stilelemente zeitgenössischer Jugendkulturen. Beispiele aus Szene-Medien für Jugendliche zeigen dies besonders deutlich.

Schulhof-CDs
Zu den bekanntesten Elementen der medialen Erlebniswelt Rechtsextremismus zählen Schulhof-CDs. Seit 2004 setzten zunächst Neonazi-Gruppen Gratis-CDs als Werbemittel ein, die NPD zog wenig später nach. Inzwischen legte sie acht kostenlose Sampler vor. Deutlicher als die meisten CDs dieser Art gibt die Schulhof-CD aus dem Berliner Wahlkampf von 2011 ihre rassistische Stoßrichtung äußerlich zu erkennen: „Hier kommt die Tanzmusik zu ihrer Heimreise!“ steht auf dem Backcover – daneben sind drei karikierte Figuren zu sehen, die Fremde symbolisieren: ein schwarzer Mann, eine Muslimin und ein Muslim, gemeinsam auf einem fliegenden Teppich. Bildlich umschreibt die NPD hier, was sie an anderer Stelle mit dem Begriff „Ausländerrückführung“ fordert. Stilistisch haben sich die Schulhof-CDs verbreitert. Neben Rechtsrock und Liedermachern sind inzwischen regelmäßig Rap-Songs enthalten, zum Beispiel von der Band „Enesess“ (nach eigener Lesart für: n’ Socialist Soundsystem) oder dem ehemals linksorientierten Sänger Makss Damage. Die meisten dieser CDs enthalten mindestens ein Lied des Sängers Lunikoff, dem früheren Kopf der Band Landser, die 2003 als kriminelle Vereinigung verurteilt wurde.

„Jugend in Bewegung“
Besonders verbreitet sind jugendnahe Formen mit rechtsextremistischen Botschaften auf Websites und im Web 2.0. Zu den wichtigsten Elementen zählt rechtsextremistische Musik. Für Michael Wörner-Schappert von jugendschutz.net – der gemeinsamen Stelle der Länder für Jugendschutz im Internet – ist Musik die „Leimrute, die den Weg zu den virtuellen Inhalten und Ausprägungen des heutigen Rechtsextremismus öffnet“. Ein Beispiel für die Bedeutung der Musik und die Modernisierung der Symbolik und Ästhetik rechtsextremistischer Internetangebote ist die DVD „Jugend in Bewegung … Schüler-CD des Nationalen Widerstands“, die auch als CD-ROM zum Download angeboten wurde. Sie ist typisch für Neonazis, die sich als Autonome Nationalisten verstehen, das heißt: die Symbole und Aktionsformen vom politischen Gegner – von linksgerichteten Autonomen – übernehmen. CD-ROM und DVD waren fortlaufend in aktualisierten Fassungen abrufbar und enthielten bis zu elf vollständige Musik-Alben, Videos, Texte und Sprühschablonen mit rechtsextremistischen Parolen.

Der rote Faden ist die Verbindung aus zeitgenössischer Formensprache mit rechtsextremistischen Inhalten. Abbildungen der Bildergalerie greifen die Ästhetik der Computerspiele und Werbemotive auf – so im Slogan „Komm zum Widerstand, Sei Bamboocha!“, der auf die „Fanta“-Werbung anspielt. Slogans jonglieren mit Anglizismen, die im Rechtsextremismus bis heute in weiten Teilen verpönt, in jugendlichen Lebenswelten aber allgegenwärtig sind: zum Beispiel in der Parole „Pure H8“, die als „Pure Hate“ gelesen werden kann oder als „Heil Hitler“ (wenn die 8 als H, der achte Buchstabe des Alphabets, gedeutet wird). Symbolik, die auf den Nationalsozialismus verweist, kommt vor, ist aber nicht prägend: In dem Motiv einer abendlichen Hügellandschaft erstrahlt die in der Szene sogenannte „Schwarze Sonne“ – ein zwölfspeichiges Rad, das die SS als Bodenmosaik in der Wewelsburg bei Paderborn anbringen ließ. Stärker als aus den multimedialen Elementen sprechen politische Botschaften aus den Texten der DVD und einem „Wissenstest“ zum Nationalsozialismus und zum Zweiten Weltkrieg. Er montiert Zahlen und Daten zu einem Bild, in dem Deutschland als Opfer auswärtiger Mächte erscheint und demzufolge von deutscher Kriegsschuld keine Rede sein kann. Nicht ungeschickt bedient sich der Test im Repertoire der geschichtsfälschenden Agitation.

Videoclips und Flashmobs
In Zeiten des Web 2.0 sind Videoclips Standards rechtsextremistischer Internetangebote. Sie sind auch das zentrale Instrument einer Strömung, die Flashmobs für diese Szene erschlossen hat: der „Unsterblichen“. Flashmobs sind üblicherweise augenzwinkernde Events: User verabreden sich über SMS, E-Mail und soziale Netzwerke, finden sich im öffentlichen Raum zusammen, um urplötzlich skurrile Dinge zu tun und die Umstehenden zu verblüffen. Videos von Flashmobs der „Unsterblichen“ sind oft mit Bombastmusik unterlegt und zeigen geheimnisvoll anmutende Märsche: Schwarz gekleidet und das Gesicht mit weißen Masken verhüllt, ziehen die Teilnehmenden im Fackelschein durch nächtliche Städte. Märsche dieser Art haben in verschiedenen Teilen Deutschlands stattgefunden. Das im Netz verbreitetste Video zeigt den in Bautzen im Frühjahr 2011 mit etwa 200 Teilnehmenden. „Damit die Nachwelt nicht vergisst, dass Du Deutscher gewesen bist“, steht auf einem Transparent, zum Schluss verweist der Clip auf die Website der Kampagne. Die „Unsterblichen“, heißt es dort, seien „junge Deutsche, die sich bundesweit auf öffentlichen Plätzen zusammenfinden, um auf das Schandwerk der Demokraten aufmerksam zu machen“. Demnach betreiben Demokraten den „Tod des deutschen Volkes“ durch die systematische Vermischung mit „fremden Völkern“. Die Flashmobs und Clips sind Teil der breiter angelegten neonazistischen „Volkstod“-Kampagne.

„Identitäre Bewegung“
Das Internet als Basis und Resonanzraum, Aktionsformen mit dem Reiz des Subversiven, multimediale Instrumente und die Schwebe von Endzeit- und Aufbruchsstimmung sind auch charakteristisch für die „Identitäre Bewegung Deutschland“, die im Oktober 2012 auf den Plan getreten ist. Während die „Unsterblichen“ einen plumpen Rassismus vertreten, prägt die „Identitäre Bewegung“ ein Ethnopluralismus im Sinne der intellektuellen Neuen Rechten. Vertreter des Ethnopluralismus streiten fremdenfeindliche Haltungen ab, fordern aber Räume, in denen die Angehörigen eines Volks unter sich sind – nur in ihnen finde der Einzelne tatsächliche Identität. Entsprechend distanziert sich die „Identitäre Bewegung“ vom Rechtsextremismus und propagiert den Slogan „100% identitär – 0% Rassismus“.

Dass diese Selbstdarstellung zweifelhaft ist, macht zum Beispiel der Verfassungsschutz in Bremen deutlich: Demnach beteiligen sich dort bekannte Neonazis an der „Identitären Bewegung“. Die Strömung agitiert gegen die multikulturelle Gesellschaft und besonders gegen den Islam. Ihr Terrain sind die sozialen Netzwerke, einzelne Aktionen haben aber auch außerhalb des Netzes stattgefunden. So störten Anhänger der „Identitären Bewegung“ im Oktober 2012 die Interkulturellen Wochen in Frankfurt am Main: Sie drangen tanzend, mit weißen Masken und einem dröhnenden Ghettoblaster in den Saal ein sowie dem Plakat „Multikulti wegbassen“.

Die NPD und andere Rechtsextremisten nutzen virtuelle Gruppen zum Beispiel bei Facebook für ihre Kampagnen. Zu den erfolgreichsten dürfte die Kampagne „Todesstrafe für Kindermörder“ zählen. Der „Frontdienst“-Versand der NPD-Jugend „Junge Nationaldemokraten“ ist einer von rund 80 Online-Vertrieben in Deutschland, die mit rechtsextremistischen Artikeln handeln. Kurz vor der Bundestagswahl präsentierte er ein Produkt, das jugendliche Interessen und rassistische Botschaften besonders eng zusammenbrachte: das Kondom „für Ausländer und ausgewählte Deutsche“. Mit Letzteren waren demokratische Politiker („Politiker der korrupten Altparteien“) gemeint: „Sie vermehren sich blitzartig, nerven, kosten unser Geld und haben eigentlich keinen Nutzen. […] Sie wollen die multikulturelle Gesellschaft, die unsere Kultur zerstört. Sie lassen zu, dass sich unsere Gesellschaft überfremdet.“ Offensichtlich auf „Ausländer“ gemünzt ist der Hinweis, wer das Kondom verteile, könne „aktiv den demografischen Wandel bekämpfen.“ Wenn auch in anderer Tonlage, ist die Botschaft vom apokalyptischen „Volkstod“-Szenario der Neonazis nicht weit entfernt. Noch enger der Neonazi-Szene verbunden ist ein Online-Versand aus Dortmund, der unter der zynischen Webadresse antisem.it auftritt und so offenbar mit dem Judenhass kokettiert. Verantwortlich ist der stellvertretende Landesvorsitzende der Partei „Die Rechte“, die in Nordrhein-Westfalen im Wesentlichen als Auffangbecken für Aktivisten verbotener „Kameradschaften“ dient.

Auch die rechtsextremistische, in erster Linie islamfeindliche Partei „pro NRW“ sucht im Netz nach jugendlichen Anhängern. Zum Beispiel mit einer Grafik in ihrem Facebook-Profil, die einen schroffen fremdenfeindlichen Slogan und ein medienbekanntes Bild zusammenführt. Sie zeigt eine mit Bierflaschen, Getränkedosen und Zigarettenkippen verdreckte Landschaft und ein sich übergebendes Einhorn, das an die Geschichten von „Prinzessin Lillifee“ angelehnt ist – die Schlagzeile: „Multikulti ist zum Kotzen!“. Entsprechende Flugblätter hat „Jugend pro NRW“ im Oktober 2013 auch vor Schulen verteilt.

Über den Autor:
Dr. Thomas Pfeiffer ist Dozent an der Fakultät für Sozialwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum. Er arbeitete in den 1990er-Jahren bei der Westfälischen Rundschau, der Agence France Presse in Bonn, den Vereinten Nationen in New York und bei Radio Berlin. Seit 2002 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Verfassungsschutz des Innenministeriums NRW. Schwerpunkt seiner Tätigkeit ist Rechtsextremismusforschung, dabei insbesondere die Neue Rechte sowie Rechtsextremismus im Internet und in der Musik.

Literaturempfehlungen

  • Amadeu Antonio Stiftung (Hrsg.): Liken. Teilen. Hetzen. Neonazi-Kampagnen in Sozialen Netzwerken. Berlin 2013, no-nazi.net, www.netz-gegen-nazis.de
  • Glaser, Stefan und Pfeiffer, Thomas (Hrsg.): Erlebniswelt Rechtsextremismus. Menschenverachtung mit Unterhaltungswert. Hintergründe – Methoden – Praxis der Prävention, 3. Aufl., Schwalbach/Ts. 2013, S. 44-6, Bestellmöglichkeit bei der Bundeszentrale für politische Bildung: www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/171177/erlebniswelt-rechtsextremismus
  • jugendschutz.net (Hrsg.): Rechtsextremismus online. beobachten und wirksam bekämpfen. Bericht über Recherchen und Maßnahmen im Jahr 2012, Mainz 2013, www.hass-im-netz.info ( Materialien).
  • Klicksafe (Hrsg.): Rechtsextremismus im Internet. So schützen Sie Ihr Kind gegen rechtsextreme Inhalte im Netz. Tipps für Eltern, Düsseldorf 2013, www.klicksafe.de ( Materialien)
  • Ministerium für Inneres und Kommunales NRW (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht 2012, Düsseldorf 2013, www.mik.nrw.de/verfassungsschutz
24.02.2014

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