Sicherheit bei Großveranstaltungen, Regionale Herausforderungen

Brot oder Spiele? Brasilien vor der Fußball-Weltmeisterschaft 2014

Von: Dr. Kai Hirschmann

Der Countdown hat längst begonnen: Am 12. Juni 2014 wird die Fußball-Weltmeisterschaft in São Paulo angepfiffen. 2007 erhielt Brasilien den Zuschlag zur Ausrichtung der WM 2014, ebenso für die Olympischen Sommerspiele 2016 – für das Land und die handelnden Politiker ein erheblicher Gewinn, scheinbar aber nicht für die Bevölkerung. Die Euphorie von 2007 jedenfalls ist längst verflogen.

Englische und deutsche Einwanderer haben einst den Fußball nach Brasilien gebracht. Heute ist er quer durch alle Schichten Nationalsport – von den Armenvierteln der Großstädte bis in den ländlichen Raum rund um den Amazonas. Daher richten sich die Massenproteste seit dem Confederations-Cup 2013 auch nicht gegen den Fußball, sondern gegen politische und wirtschaftliche Entscheidungen der brasilianischen Regierung und der FIFA zur Organisation des Massenevents. Landesweite Protestbewegungen haben in Brasilien seit den 1980er-Jahren oft als Katalysator für Reformen und Erneuerung gewirkt, so z.B. gegen die Militärdiktatur oder im Kampf gegen Hunger und Armut.

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Eine landesweite Protestbewegung
Im Juni 2013 kam es vor und während des Confederations Cup im ganzen Land zu Protesten, ausgelöst durch eine Erhöhung der Bus- und Bahnfahrpreise in São Paulo, die auch zur Finanzierung der WM beitragen sollte. Die Demonstranten wandten sich gegen die hohen Kosten für die WM und die Olympischen Spiele, während auf der anderen Seite Investitionen in Bildung und Gesundheit fehlen. Insgesamt zehn Milliarden Euro wird die WM Brasilien kosten, 85 Prozent davon trägt der brasilianische Staat und damit die Bevölkerung. Um die Gelder aufzubringen, kürzte die Regierung Sozialausgaben. Allein für Bau und Umbau der zwölf WM-Stadien hat Brasilien mit knapp vier Milliarden Euro mehr Geld ausgegeben als Deutschland und Südafrika zusammen für die WM-Spielstätten 2006 und 2010. Die versprochene Modernisierung der Infrastruktur in den Städten fand allerdings weitgehend nicht statt. Mehrere Milliarden Euro sollten für den öffentlichen Nahverkehr ausgegeben werden. Von 49 Projekten werden allerdings weniger als 30 umgesetzt und nur fünf sind bisher fertig. Hinzu kommt: Die ärmere Bevölkerung in den Austragungsorten ist von fragilen Arbeitsverhältnissen, Zwangsräumungen und Polizeigewalt betroffen.

Für die Fußball-Weltmeisterschaft wurden fünf Stadien neu gebaut und sieben umgebaut. Privat finanziert wird nur der Ausbau von zwei Stadien und Teile eines dritten. Das liegt auch daran, dass sich die Stadien in der Zukunft nicht profitabel betreiben lassen, da z.B. die Stadien von Brasilia Cuiabá, Manaus und Natal nach der WM nicht annähernd ausgelastet werden können.

Etwa 250.000 Menschen wurden im Vorfeld der WM aus ihren Häusern vertrieben und umgesiedelt, um Raum zu schaffen für Stadien sowie Infrastruktur- und Verkehrsmaßnahmen. Häufig traf es die Ärmsten in ihren bescheidenen Behausungen, wobei die WM als Vorwand diente, um Projekte schneller voranzutreiben, die die Regierung ansonsten kaum hätte durchsetzen können. Angemessene Entschädigungen gab es nicht und sehr oft wurden den Menschen Unterkünfte in großer Entfernung von ihrem bisherigen Lebensraum angeboten.

Die Reformagenda der Demonstranten
Die Reformwünsche reichen inzwischen weit über Investitionen in Bildung und Gesundheit hinaus und umfassen auch eine gerechtere Einkommensverteilung, die Verbesserung der Sicherheit, den Schutz der Meinungsfreiheit und der Umwelt sowie verbesserte Minderheitenrechte. Gefordert werden explizit auch ein konsequentes Vorgehen gegen die allgegenwärtige Korruption und ein Stopp der zunehmenden Privatisierung öffentlicher Güter. Die eigentliche Triebfeder der Proteste liegt im rapiden sozialen Wandel der letzten Jahrzehnte und im Aufstieg einer neuen Mittelschicht, die eine tief verwurzelte Privilegiengesellschaft hervorgebracht haben.

Als Reaktion auf die Proteste legte Präsidentin Dilma Roussef zwar neue Programme auf. Dennoch verstummte die Protestbewegung nicht. Die Demonstrationen flammten Anfang 2014 wieder auf. Der steigende Unmut in der Bevölkerung wurde allerdings bislang nicht politisch kanalisiert. Weder haben die Oppositionsparteien von der Stimmung profitiert, noch haben sich in Folge der Proteste neue politische Parteien oder Bewegungen gebildet, die die Forderungen der Demonstranten aufgreifen. Die Protestbewegung wird weiterhin dezentral organisiert und bleibt führungslos. Dennoch ist die WM längst auch Wahlkampfthema. Im Oktober werden in Brasilien Präsident und Parlament neu gewählt. Die Akzeptanz der WM ist seit 2008 von 80 Prozent auf heute 50 Prozent gesunken und die bisher als sicher geltende Wiederwahl von Dilma Roussef ist gefährdet.

Große Zukunftsprobleme
Brasilien zählt schon heute zu den Ländern mit dem höchsten Maß an Gewaltkriminalität weltweit. Jährlich werden mehr als 50.000 Menschen ermordet; Diebstahl, Raubüberfälle und Entführungen stellen im ganzen Land eine ernstzunehmende Bedrohung dar. Verschärfend kommt hinzu: Die Proteste haben sich radikalisiert und führen nun regelmäßig zu Zusammenstößen mit der Polizei. Die breiten und friedlichen Massenproteste werden inzwischen von gewaltbereiten Splittergruppen wie den neu entstandenen „Schwarzen Blöcken“ unterwandert und enden nun häufig in Gewaltausbrüchen und Vandalismus.

Für den Verlauf der WM bleibt die Frage, ob die erwarteten Proteste den größtenteils friedlichen Massendemonstrationen während des Confederations Cup 2013 gleichen werden oder ob die zunehmende Polarisierung zu heftigeren Konfrontationen führen wird.  Die Protestwelle wird auch nach dem Ende der WM nicht vorbei sein, denn schon in zwei Jahren finden 2016 die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro statt und São Paulo bewirbt sich um die Expo 2020. Beide Veranstaltungen werden, sollte Brasilien auch den Zuschlag für die Expo erhalten, die öffentliche Hand weitere Milliarden kosten und die bestehenden Probleme verschärfen. Kritische Stimmen sagen voraus, dass die Vertreibungen anhalten und noch mehr Bürgerrechte geopfert würden.

22.05.2014

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