Krisenmanagement, Bevölkerungsschutz

Pfingststurm ELA fordert den Bevölkerungsschutz und zeigt Grenzen der Leistungsfähigkeit auf

Von: Dr. Hans-Walter Borries und Martin Neiss M.A

Die Gewitterfront des Tiefdruckgebiets ELA, die in der Nacht vom 9. auf den 10. Juni über Nordrhein-Westfalen, Hessen und Niedersachsen hinwegzog, zeigte wieder einmal mit aller Deutlichkeit, dass man jederzeit mit solchen Extremwetterlagen rechnen muss. Traurige Bilanz dieses Ereignisses: Sechs Tote, 30 Schwerverletzte und dutzende Leichtverletzte.

Bei dem Unwetter am Pfingstmontag handelte es sich um das stärkste Wetterphänomen seit der Sturmlage Kyrill im Jahr 2007. Über 310 Meldungen gingen bei der Feuerwehr ein, dreimal mehr als bei dem „Jahrhundertorkan“ Kyrill. Auch die Sturmböen, die ELA verursachte, fielen erheblich stärker aus als bei Kyrill. In NRW wurden während des Unwetters tausende von Bäumen umgerissen.

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Verkehr brach zusammenBesonders gravierend waren die Auswirkungen auf die Infrastruktur. Bäume stürzten auf Schienen, rissen Oberleitungen herab oder blockierten Straßen. In Essen und Bochum kam es vereinzelt zu Stromausfällen, auch die Mobilfunknetze brachen zeitweise zusammen. Feuerwehr und Rettungskräfte waren aufgrund völlig überlasteter Telefonverbindungen zwischenzeitlich nicht erreichbar.

Besonders extrem wurde der Bahnverkehr getroffen, hier kam der Verkehr zum Teil mehr als eine Woche zum Erliegen. In der Unwetternacht musste die Autobahn A40, die Hauptverkehrsader des Ruhrgebiets, für Stunden gesperrt werden. Viele Verkehrswege standen komplett unter Wasser oder waren von umgestürzten Bäumen und herabgefallenen Ästen versperrt worden. Zum Teil dauerte es mehrere Tage, bis die meisten Straßen und Wege wieder passierbar waren.

Extreme Schäden
Das Unwetter kam gegen 21 Uhr wie aus dem Nichts. Es entstand vermutlich in der Eifel und zog dann eine Schneise der Verwüstung von Düsseldorf bis weit ins Ruhrgebiet. Aber auch Gemeinden in Hessen und sogar Niedersachsen waren noch betroffen. In einigen Gebieten wurden Niederschlagsmengen von bis zu 21 Litern pro Quadratmeter und Windgeschwindigkeiten von über 120 km/h gemessen. Die Hagelkörner, die in Schmallenberg vom Himmel fielen, hatten einen Durchmesser von bis zu vier Zentimetern. In Essen-Werden musste zudem ein Open-Air-Konzert mit tausenden von Besuchern evakuiert werden; allein dort gab es aufgrund von Panik neun Schwer- und sechs Leichtverletzte.

Die Zahl der beschädigten Häuser geht in die Hunderte. Laut den Versicherungen soll das Unwetter einen Gesamtschaden von mehreren 100 Millionen Euro (Schätzungen sprechen sogar von über 650 Millionen Euro) verursacht haben und damit das zweitteuerste Sturmtief der letzten 15 Jahre sein. Nur das Sturmtief Andreas habe im Juli 2013 mit 1,9 Milliarden Euro noch höhere private Sachschäden verursacht. Allein bei den Kfz-Versicherungen wurden im Zusammenhang mit dem Sturmtief ELA 100.000 Schäden mit einem Gesamtwert von 250 Millionen Euro gemeldet. Die Stadt Dortmund kostete das Unwetter weit über 10 Millionen Euro, wobei nur auf die Stadtentwässerung 60.000 Euro entfallen sein dürften. In Essen sollen sogar Schäden in Höhe von 61 Millionen Euro entstanden sein. Die Duisburger Verkehrsbetriebe müssen mit Zusatzkosten von 400.000 Euro rechnen. Man geht davon aus, dass in Düsseldorf ein Viertel aller Straßenbäume im Stadtgebiet dem Sturm zum Opfer gefallen sind. Die Aufräumarbeiten ziehen sich bis Anfang Juli hin, da es überall an qualifizierten Waldarbeitern fehlt.

Wetterphänomene werden sich häufen
Fachleute sind sich einig, dass mit derartigen Wetterphänomenen in Zukunft häufiger gerechnet werden muss. Langfristig werden auch die Schadenssummen steigen. Experten der Münchener Rückversicherung haben festgestellt, dass im Vergleich zu den frühen 1970er-Jahren solche Phänomene heute dreimal häufiger auftreten. Damals wurden etwa zehn solcher extremen Ereignisse im Jahr gezählt, heute sind es im Schnitt 30 und man geht davon aus, dass die Zahl weiter steigen wird.

ELA hat gezeigt, wo die größten Probleme auftreten. Besonders der komplette Ausfall des Bahnverkehrs traf die Metropolregion Ruhr äußerst schwer. Vor allem mit den extrem lang andauernden Aufräumarbeiten hatte niemand gerechnet.
Überraschend für Krisenmanager hatten die politischen Entscheidungsträger aus den betroffenen Gebietskörperschaften, hier den großen kreisfreien Städten, trotz des Schadensausmaßes kein Großschadensereignis (bzw. den Katastrophenfall) ausgerufen. In der Landeshauptstadt waren mit Antrag auf technische Amtshilfe (gemäß Artikel 35 Abs. 1 des Grundgesetzes) Kräfte der Bundeswehr vom Pionierregiment 100 aus Höxter angefordert und eingesetzt. Diese unterstützten mit zwei Bergepanzern und Kettensägentrupps die Aufräumarbeiten im Stadtgebiet.

Besser für Krisen planen
Auch in Zukunft wird man sich vor solchen Ereignissen wie Naturkatastrophenlagen nicht schützen können. Ausschließlich eine gute Vorbereitung und Planung können helfen, die Ausmaße solcher Großschadensereignisse in Grenzen zu halten. Krisenkommunikation und Krisenmanagement müssen hier nicht nur beim Eintreten einer solch prekären  Situation reibungslos funktionieren, sondern es muss mit einem sehr langen Bewältigungszeitraum über das Ereignis hinaus gerechnet werden. Eine enge Vernetzung von Stäben bei Verwaltungen, Verkehrsbetrieben, Energieversorgern und Kommunikationsunternehmen ist hier unerlässlich, um vor allem einen reibungslosen Informationsaustausch zu gewährleisten. Verkehrsbetriebe sollten einen entsprechenden Notfallplan bereithalten, der Optionen enthält, wie ein solches Szenario möglichst reibungslos bewältigt werden kann. Schließlich muss auch die Bevölkerung auf derartige Ereignisse vorbereitet werden. So muss darauf hingewiesen werden, dass bei Extremwetterlagen dringend eine schützende Unterkunft aufgesucht werden muss, um Schäden an Leib und Leben zu verhindern.

Der Pfingststurm ELA hat damit wieder gezeigt, dass Bevölkerungsschutz bzw. Katastrophenhilfe Daueraufgaben für Einsatzkräfte und Krisenstäbe darstellen. Es gilt nun, ausreichend Finanzmittel für die Schadensbeseitigung aber auch für die weitere Ausbildung und das Training von Einsatzkräften und Krisenstäben bereitzustellen. Der nächste Sturm oder das nächste Hochwasser werden uns beweisen, ob wir aus den bisherigen Ereignissen etwas gelernt haben und ob wir bereit sind, für die Vorsorge (Prävention) ausreichend Finanzmittel in die Hand zu nehmen. Nach der Katastrophe ist vor der nächsten Katastrophenlage.

08.07.2014

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