Globale Entwicklungen, Regionale Herausforderungen

Der Krieg der Raketen – dritter Gazakonflikt zwischen Israel und der Hamas

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Von: Rolf Tophoven

Sie dauerte sieben Wochen, die dritte bewaffnete Konfrontation zwischen Israel und der radikal-islamistischen Hamas im Gazastreifen. Tausende Raketen flogen zwischen den Kriegsparteien hin und her. Am Ende fühlten sich beide Parteien als Sieger. Die Hamas-Kommandos feierten ihren „Sieg“ auf den Trümmern massiv zerstörter Hochhäuser und Moscheen. Angesichts von mehr als 2000 Toten Palästinensern, die Masse davon Zivilisten, eine Totentanz der ganz besonderen, makabren Art. Die Israelis feierten ihrerseits die erfolgreiche Abwehr von fast neunzig Prozent aller auf den jüdischen Staat abgefeuerten Raketen durch ihr wirksames System der „Eisernen Kuppel“ (Iron Dome). 72 Tote, die meisten von ihnen Soldaten wurden auf israelischer Seite beklagt.

Nach ägyptischer Vermittlung hält vorerst eine Waffenruhe um Gaza. Angeblich beruht der Waffenstillstand auf der Vereinbarung, die im November 2012 den damaligen Gaza-Krieg beendete. Demnach soll Israel die Blockade des Gazastreifens für humanitäre Leistungen und Lieferungen zum Aufbau der zerstörten Gebiete aufheben. Über die palästinensische Forderung nach einem See- und Flughafen solle erst zu einem späteren Zeitpunkt entschieden werden, lauteten die Vereinbarungen.
„Keines der Probleme, die zum Ausbruch des Krieges geführt haben , ist gelöst“, schrieb die „Süddeutsche Zeitung“ in einem Kommentar und folgerte, die internationale Gemeinschaft müsse Druck auf beide Seiten ausüben. „Israel muss den Palästinensern in Gaza die Möglichkeit auf wirtschaftliche Entfaltung geben. Die Palästinenser müssen dem Terror abschwören, die Hamas muss das Existenzrecht Israels anerkennen. Sonst werden bald wieder noch schlimmere Nachrichten aus Nahost kommen“. Ähnlich kritisch sieht es die „Frankfurter Allgemeine“, wenn sie titelt: „Der überflüssige Krieg, Der Kampf um Gaza hat riesige Trümmerberge und politisch nur Verlierer hinterlassen“. Waffenstillstandsvereinbarungen im Nahostkonflikt sind, dies lehrt die Geschichte bisheriger Konfrontationen, stets fragil. Daher würde als Initialzündung, wie auch kürzlich beim dritten Krieg um Gaza, wohl erneut ein in Nahost sehr vertrautes Ritual genügen.

Es begann mit der Ermordung dreier jüdischer Religionsschüler in der Westbank. Die Täter: Radikale Islamisten der palästinensischen Hamas. Es folgte als Racheakt die Ermordung eines jungen Palästinensers durch radikal-religiöse Juden aus dem Milieu der Siedler. Seither eskalierte der Konflikt. Aus dem Gazastreifen flogen Raketen nach Israel.  Israels Luftwaffe schlug mit voller Wucht zurück. Israel hat in den  vergangenen Jahren die militärische und terroristische Kraft der Hamas massiv geschwächt. Führende Mitglieder der Organisationen wurden gezielt  liquidiert, die Abschussbasen der Hamas-Raketen immer wieder zerstört. Zuletzt im großen Schlagabtausch vor zwei Jahren. Nach dem Sturz der Mursi-Regierung  durch das ägyptische Militär vernichtete oder blockierte Ägypten das ausgereifte Tunnelsystem der Islamisten im Gazastreifen. Dadurch wurde eine wichtige Lebensader der Hamas und anderer islamistischer Terrorkader im Gazastreifen durchtrennt. Der Sturz der Muslimbrüder von der Macht in Kairo erschütterte auch die Hamas . Denn  die Organisation ist ein Ziehkind der Muslimbruderschaft. Kairos Furcht vor den terroristischen Kommandos aus dem Gazastreifen im Bündnis mit radikalislamischen Zellen auf dem Sinai war nicht unbegründet, denn immer wieder fielen nach dem Machtwechsel in Ägypten Polizisten und Soldaten den Terrorangriffen von Mursi- Anhängern zum Opfer.

Hamas war also nach dem Sturz Mursis in einer Zangenbewegung. In Richtung Ägypten sind die Zugänge weitgehend blockiert und auf der anderen Seite hält Israel an seinen Grenzübergängen den Gazastreifen in einem eisernen Griff.

Und dennoch überrascht es Kenner der Szene und Militärexperten – auch in Israel – immer wieder, wie es der Hamas gelingt, wie jetzt im aktuellen Konflikt, hunderte Raketen auf Israel abzuschießen und ein halbes Land in regelmäßigen Abständen in die Bunker zu zwingen. Die militärische Kraft der Hamas-Kommandos mit ihren Raketenabschussrampen, ihren selbstfabrizierten Geschossen sowie eingekauften und weittragenden Flugkörpern scheint ungebrochen. Die neuesten Raketen erreichen schon Tel Aviv und Jerusalem – und nur das Raketenabwehrsystem „Iron Dome“, eine Technologie der israelischen Militärindustrie, verhinderte bislang größere Schäden in den großen Bevölkerungszentren des Landes.Ein Blick auf die Strukturen der Hamas in Gaza erhellt die Szene. Die Islamisten regieren mit harter Hand im Gazastreifen seit 2007 . Von den 1,7 Millionen Einwohnern leben 80 Prozent unterhalb der Armutsgrenze, die Arbeitslosigkeit nähert sich den 40 Prozent.Über die Jahre hat es die Organisation geschafft, nicht nur ein inneres Gewaltsystem zu etablieren und sich waffentechnisch fit zu machen für die Konfrontation mit Israels Armee; sie hat zudem auch  ein weitgefächertes Netz an sozialen Institutionen und Infrastrukturen geschaffen: Schulen, Krankenhäuser, religiöse Einrichtungen, Altenheime und Moscheen wurden gebaut. Dies führte zu einer zum Teil tiefen Verwurzelung der Hamas mit der Bevölkerung in diesem nur 40 km langen Gebietsstreifen entlang der Mittelmeerküste. Ähnliche Wurzeln in der jeweiligen Bevölkerung weisen die Hisbollah im Libanon, aber auch die vorerst entmachteten Muslimbrüder in Ägypten auf.

Neben der sozialen Komponente stützt sich die Macht der Hamas in ihrer Auseinandersetzung mit Israel jedoch in erster Linie auf ihr ausgeklügeltes und professionell ausgebautes militärisches Untergrundnetzwerk. Auf dieser Basis gelingt es ihren Kämpfern immer wieder, den Aufklärungsvorteil Israels  durch dessen Geheimdienstoperationen und die enorme Feuerkraft der israelischen Armee auszugleichen und mit nadelstichartigen Operationen „Zahal“ (israel. Armee) herauszufordern.

Die Hamas hat sich im Gazastreifen, besonders in der Stadt Gaza, eine weitverzweigte Untergrundstruktur systematisch installiert,  bestehend aus Unterständen und Bunkern. Diese Schlupfwinkel dienen der Hamas-Führung sowie einer großen Anzahl militärischer Kommandeure – weniger der Zivilbevölkerung. Letztere ist auch jetzt, wie  schon in den Auseinandersetzungen Israels mit der Hamas 2008 und 2012, den  Luftangriffen oft schutzlos ausgesetzt. Aber diese Schutzlosigkeit ist seitens der Hamas auch perfide einkalkuliert – denn unschuldige Zivilisten, tote Kinder und Frauen sind in der medialen Transparenz unserer Zeit der perfekte Propagandaeffekt für die militärisch unterlegene Seite. Angesichts der Tatsache, dass Hamas ihre Bomben- und Raketendepots sowie die  Kommandozentralen bewusst mitten in die Zivilbevölkerung hinein verlegt, wodurch sogenannte Kollateralschäden unter der Zivilbevölkerung nicht zu vermeiden sind, erhöht sich der mediale Vorteil für die Hamas einerseits, für Israel dagegen verschlechtert sich sein Ansehen dadurch zusehends. Ein zynisches Spiel der Islamisten, Hamas und Islamischer Dschihad, aus Gaza!

Denn es zeigt sich, bereits seit dem Vietnamkrieg: Kriege werden heute nicht nur auf dem Gefechtsfeld, auch in  den Medien gewonnen oder verloren. Und seit seinem Einmarsch in den Libanon 1982 hat Israel in der Weltöffentlichkeit und in deren Medien fast jeden Kampf verloren -trotz immer wieder angedrohter Vernichtung und Ablehnung des Staates – wie es ja auch im Programm der Hamas dokumentiert ist.
Als die Strategen in den Militärstäben Israels angesichts der massiven Luftschläge auf Hamas Stellungen in Gaza erkennen mussten, dass nur eine kombinierte Luft-Bodenoffensive taktische Erfolge und wirksame Schwächung  des Gegners bringen könnte, entschloss man sich schließlich – trotz der Furcht vor eigenen Verlusten beim Häuserkampf in Gaza, Eliteverbände der Infanterie in den Kampf zu schicken. Denn je länger der Beschuss aus der Luft dauerte, desto mehr musste Israels Militär erkennen, dass Hamas immer noch Raketensalven auf Israel abfeuern konnte.

Ziel der Bodenoffensive war es in erster Linie, die vom Gazastreifen aus weit auf israelisches Gebiet getriebenen Tunnelsysteme zu zerstören. Aus diesen Tunneln heraus war es Hamas gelungen, in der Vergangenheit Angriffe bis in die Siedlungen auf israelischer Seite durchzuführen. Aus einem solchen Tunnelsystem heraus wurde auch der Soldat Gilad Shalit 2006 entführt, der anschließend fünf Jahre in Hamas-Haft saß. Am Ende der Kämpfe hatte „Zahal“ über 30 Tunnel, die nach Israel hineinführten zerstört. Doch das Tunnelsystem in Gazastadt und in anderen Regionen dieses Küstenstreifens, unter anderem in und unterhalb der Flüchtlingslager, existiert zum großen Teil noch. Dies, so sagen israelische Experten könnte nur durch eine erneute Besetzung des Gazastreifens durch Israel zerstört werden. Doch eine solche Operation will in Israel niemand. So bleibt auch nach dem dritten Waffengang zwischen Israel und der palästinensischen Hamas die Hoffnung, dass der vereinbarte Waffenstillstand hält und die Politik sich auf beiden Seiten bewegt, andernfalls – so befürchten Skeptiker – ist der vierte Gazakrieg nicht allzu weit.

Inzwischen hat der moderate Palästinenserpräsident Mahmud Abbas die Hamas-Führung in Gaza aufgefordert, die Führungsrolle seiner Regierung anzuerkennen und keine Nebenregierung in Gaza zu installieren. Ansonsten, drohte Abbas, stünde die palästinensische Einheitsregierung , die im Juni zwischen Fatah und Hamas geschlossene Partnerschaft,  auf dem Spiel.

 

Rolf Tophoven ist Direktor des IFTUS – Institut für Krisenprävention.

09.10.2014

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