Sicherheitsmanagement, Risikomanagement

Wenn die Sicherheit in Klammern steht

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Von: Christian Scherg

Ein neuer perfider Trick US-amerikanischer Neonazis machte auch in Deutschland Schlagzeilen. Um jüdische Journalisten als politische Gegner virtuell zu markieren, wurden die Namen der jeweiligen Personen in sozialen Netzwerken in drei Klammern gesetzt.

Diese Stigmatisierung, welche Erinnerungen an den Judenstern – das Zwangskennzeichen im Dritten Reich – wachrief, kennzeichnete die Journalisten als Ziel für andere Nationalsozialisten, um Hassparolen und diskriminierende Inhalte gegen die in den Klammern gesetzten Personen zu richten.

Das eigentlich Perfide dabei ist, dass die Neonazis ganz offen und unbehelligt in den sozialen Netzwerken miteinander kommunizieren konnten, ja diese – schlimmer noch – gezielt zur Verbreitung nutzten. Bei einer Suchanfrage wird die Klammersetzung vom Algorithmus der Plattformen nicht erkannt, Betroffene selbst können sich dagegen nicht wehren und viele von ihnen wussten nicht, weshalb ihr Name plötzlich in den Retweets und Kommentaren von Klammern eingerahmt wurde.

Versteckte Botschaften schwer identifizierbar
Bislang war es schon schwer genug, offenkundig erniedrigende Inhalte in den Weiten des Internets via Monitorings überhaupt ausfindig zu machen, um sie anschließend anzuzeigen und, wenn überhaupt möglich, zu löschen. Nun stellen versteckte Botschaften, wie bestimmte Stigmata oder Codes, die durch ihre enorme Variabilität schwer identifizierbar sind, eine neue subversive Form der Bedrohung dar.

Geheime Zeichen, die versteckt sind zwischen anderen Zeichen, sind an sich kein neues Phänomen. So ist zum Beispiel bekannt, dass die amerikanische Gefängnisgang Aryan Brotherhood ihre skrupellosen und auch nationalsozialistischen Taten über verschlüsselte Nachrichten kommunizieren, indem sie einen circa 400 Jahre alten stenografischen Code verwenden. Briefe, die augenscheinlich einen normalen Inhalt haben, werden auf diese Weise präpariert, sodass sich die Bande unbehelligt gegenseitig informieren kann. Ein anderes Beispiel ist eine im Jahr 2010 stattgefundene Erpressung gegen den Aldi-Nord Konzern. Hier verständigte sich der Erpresser über verschlüsselte Zeitungsannoncen mit dem Konzern. Dabei waren die codierten Botschaften im gewöhnlichen Anzeigentext versteckt und so nur für Eingeweihte verständlich. Im Regelfall operieren dann bei solchen Fällen spezialisierte Einheiten, die durch Kryptoanalyse für eine Entzifferung der Texte sorgen.

Gegenmaßnahmen durch Suchalgorithmen
Eine Verschlüsselung wie die der US-Nazis zeigt also, dass es mit konservativen Methoden ungemein schwer fällt, in dem niemals abreißenden digitalen Informationsfluss bestimmte subversive Codes und Botschaften zu erkennen. Dazu kommt: Die digitalen Kanäle sind jedem mit einem Klick und jederzeit zugänglich. Es ist also ein technischer Schutz nötig, der bestimmte Muster automatisch und frühzeitig erkennt.

Konkret muss dies ein auf Statistiken basierender Suchalgorithmus sein, der einerseits Netzwerke und Verbindungen zwischen Personen und Organisationen herstellt und analysiert, dabei die frei zugängliche Kommunikation auf wiederkehrende Übereinstimmungen und semantische Muster scannt. Wichtig ist dabei, dass das System selbstlernend ist, um bestimmte Auffälligkeiten automatisch plausibel zu machen. Solche Programme existieren bereits und werden von Facebook zum Beispiel für Übersetzungen eingesetzt.

Im Falle der Klammertaktik der US-Nazis haben sich hunderte von Benutzern zur Aufgabe gemacht, selbst ihre eigenen Namen in Klammern zu setzen, um die Nazi-Markierungen zu verwässern und den perfiden Effekt somit zu neutralisieren. Hunderte oder tausende Accounts im Bedarfsfall orchestriert und mit einem Klick zur Informationsverzerrung einzusetzen, was hier ein kreativer und entschlossener Schritt der Zivilcourage ist, könnte zusammen mit einer existierenden Monitoringroutine ein wirksames Mittel sein, um Personen und Unternehmen in öffentlichen Netzwerken vor der Unterwanderung und dem Missbrauch durch subversive Gruppen zu schützen.



Christian Scherg ist Geschäftsführer der 2007 von ihm gegründeten REVOLVERMÄNNER® GmbH

20.09.2016

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