Globale Entwicklungen, Regionale Herausforderungen

Dschihadisten im Kaukasus: Die nächste Generation

Mindestens 39 Personen kamen ums Leben und 70 wurden verletzt, als am Morgen in zwei Moskauer U-Bahn-Waggons Sprengsätze im Abstand von rund 45 Minuten an zwei verschiedenen Metrostationen explodierten. Am Nachmittag wurde ein dritter Sprengsatz entdeckt. Milizionäre entdeckten zwei Frauenleichen, an denen Hinweise für die Explosion von Sprenggürteln gefunden wurden. Die erste Selbstmordattentäterin sprengte sich um 7.56 Uhr am Bahnhof Lubjanka in einem voll besetzten Zug die Luft. Dabei sollen mindestens 24 Menschen getötet worden sein. Der zweite Anschlag ereignete sich am Bahnhof Park Kulturi mit mindestens 15 Toten. Die Ermittler stießen auf den Kopf und weitere Körperteile einer Frau. Die Attentäterinnen waren 17 und 20 Jahre alt; beide Witwen von Extremisten. Der Name der 17-Jährigen soll Dschhennet Abdurachmanowa sein, dessen Mann Umalat Magomedow am 31. Dezember 2009 während einer Polizeikontrolle in Chassawjurt im Westen Dagestans erschossen wurde. Dschihad-Kader sollen daraufhin die 17-Jährige überzeugt haben, sich aus Rache für ihren Mann zu opfern. Berichten zufolge handelt es sich bei der anderen Attentäterin um Marcha Ustarchanowa aus Tschetschenien - die Witwe eines im Oktober getöteten Extremisten, der einen Anschlag auf den tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow geplant haben soll.

Tschetschenischer Islamistenführer Doku Umarow bekennt sich zu den Anschlägen

Islamistische Terroristen aus dem Nordkaukasus hatten immer wieder damit gedroht, im ganzen Land Attentate zu verüben. Zwei Tage nach dem Doppelanschlag in der Moskauer U-Bahn hat sich der tschetschenische Islamistenführer Doku Umarow dazu bekannt. In einem Video sagte Umarow, die Selbstmordanschläge seien Racheakte für die Tötung von Zivilisten in Tschetschenien und Inguschien durch russische Sicherheitskräfte im Februar und "Spezialoperationen zur Vernichtung von Ungläubigen". Die Attentate seien auf seinen Befehl ausgeführt worden. Der Anschlag in der Metrostation Lubjanka in unmittelbarer Nähe des Hauptquartiers des russischen Geheimdienstes, sei ein "Gruß an den FSB". Doku Umarow gilt als einer der Nachfolger des tschetschenischen Dschihad-Führers Shamil Bassajew. Im Oktober 2007 hatte er in der Konfliktregion im Südwesten Russlands ein "Kaukasus-Emirat" ausgerufen und sich selbst zu dessen Emir ernannt. Seine Dschihad-Kader werden für zahlreiche Anschläge verantwortlich gemacht. Sie bekannten sich zum Beispiel zu dem Anschlag auf den Schnellzug "Newski-Express", der Ende November 2009 auf dem Weg von Moskau nach St. Petersburg durch eine Explosion entgleist war. 28 Menschen kamen ums Leben.

Vorgehen Russlands in Tschetschenien begünstigt Terrorismus
Die schleichende Zunahme der Bedeutung des radikalen Islam hat den Charakter der Auseinandersetzung in Tschetschenien nachhaltig verändert. Ab 1991 ging es zunächst um einen ethnischen Separatismus mit der Zielsetzung der Loslösung von Moskau, die rein säkular-nationalistisch ausgerichtet war. Das militärische und politische Vorgehen Russlands trug entscheidend dazu bei, eine Wende hin zu einem reinen Terrorkampf unter islamistischen Vorzeichen einzuleiten. Tschetschenien wurde seit Mitte der 1990er-Jahre einer der Regionalkonflikte, den islamistische Dschihad-Fanatiker erfolgreich unterwandert haben. Begünstigt durch ein brutales Vorgehen russischer Sicherheitskräfte erhielten immer mehr Kräfte Auftrieb, die für einen Terrorkampf gegen die Russen auftraten.

Die erste Terrorismuswelle 1999 - 2006
Ab dem Jahr 2000 intensivierten die tschetschenischen Dschihad-Kader unter der Führung von Shamil Bassajew (1965 - 2006) in einer ersten Welle ihre Terrorismus-Bemühungen. Bassajew, der 2006 durch eine russische Rakete getötet wurde, aber schnell Nachfolger fand, galt als Verantwortlicher hinter einer Serie von Terroranschlägen in hoher Frequenz (auch in Russland), zu denen er und seine Mudschahiddin sich teilweise offen bekannten.

Weibliche Selbstmordattentäterinnen organisieren sich als "Schwarze Witwen"
Die tschetschenischen Dschihadisten setzten nach nahöstlichem Vorbild auch weibliche Selbstmordattentäterinnen ein. Shamil Bassajew rühmte sich öffentlich, junge tschetschenische Frauen zu Selbstmordattentäterinnen ausgebildet zu haben. Die sogenannten "Schwarze Witwen" werden von Untergrundkämpfern, ihren Brüdern oder den Familien ihrer getöteten Ehemänner rekrutiert; nicht immer freiwillig. Hierbei kommt es gelegen, dass Frauen vor allem von Sicherheitskräften seltener als Gefahr gesehen werden. Zudem ist die tschetschenische Kultur streng patriarchalisch geordnet, sodass sich die Frauen Rekrutierungsversuchen, zum Beispiel durch ihre Brüder, nur bedingt entziehen können.

Beispiele für Terroranschläge der "Schwarzen Witwen":

  • 14. Mai 2003: Eine Selbstmordattentäterin sprengt sich bei einer Feier in der Siedlung Ilischan-Jurt in die Luft; 18 Tote und 140 Verletzte.
  • 5. Juli 2003: Zwei tschetschenische Selbstmordattentäterinnen sprengen sich am Eingang eines Rockfestivals in Moskau in die Luft und töten 14 Besucher; 60 werden verletzt.
  • 6. Februar 2004: Eine Selbstmordattentäterin sprengt sich in einer Moskauer U-Bahn in die Luft; 40 Tote.
  • 24. August 2004: Zeitgleich stürzen zwei Passagiermaschinen in Russland ab. Selbstmordattentäterinnen hatten sie in die Luft gesprengt; 89 Tote.

Berlin, im April 2010

23.03.2011

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