Globale Entwicklungen, Regionale Herausforderungen

Atomterrorismus als Horrorszenario

Von: Rolf Tophoven

Die Angst vor dem nuklearen Terror

Der Nuklearterrorismus rückt in den Fokus der Weltpolitik. Die Furcht von Politikern, "dass Fanatiker sich nuklear bewaffnen wollen, ist gerechtfertigt", sagt beispielsweise der Vorsitzende der Internationalen Kommisssion über Nichtverbreitung und Abrüstung, Gareth Evans. Eindringlich warnte auch US-Präsident Barack Obama im Kontext des Washingtoner Gipfeltreffens zur atomaren Sicherheit vor Atomwaffen in den Händen von Terroristen. Hätten al-Qaida Kommandos nukleares Material in ihren Händen. Würden sie "keine Hemmungen haben sie auch einzusetzen", so der Präsident.

Es gebe nach Einschätzung der US-Administration eine große Menge nuklearen Materials in der Welt, das nicht vor Diebstahl ausreichend gesichert sei. al-Qaida habe in der Vergangenheit mehrmals versucht, sich Atomwaffen zu besorgen. Diese Einschätzung korrespondiert mit dem Satz Osama bin Ladens, "es ist die Pflicht der Muslime, sich nukleares Material zu besorgen, um mit den USA auf Augenhöhe zu kommen!" Die Sorge vor dem Atomterror der Islamisten war bereits vor dem 11. September nicht unbegründet. Denn im August 2001 hatte Osama bin Laden die Pakistaner Sultan Baschiruddin und Chaudiri Abdul Madschid getroffen. Beide hatten bis Ende der neunziger Jahre in leitender Funktion an Pakistans Atomwaffenprogramm mitgearbeitet, bevor die Regierung sie aus dem Verkehr zog. Bin Laden besprach mit den Atomexperten, wie al Qaida an die Bombe kommen könnte.

Dass die Terrorkader bin Ladens oder andere Zweige islamistischer Organisationen atomares Material besitzen, kann derzeit noch ausgeschlossen werden.

Allerdings gehen internationale Beobachter davon aus, dass Material zur Atomwaffenfertigung aus mehreren Dutzend Einrichtungen rund um die Welt verschwunden ist. Als Topanbieter auf dem "Schwarzmarkt der Apokalypse" galt über Jahre der Vater der pakistanischen Atombombe, Abdul Qadir Khan. Mark Fitzpatrick vom Internationalen Institut für strategische Studien (IISS) in London interpretierte Khans Machenschaften gegenüber Medienvertretern wie folgt: "Sein Unternehmen war einzigartig in seiner Fähigkeit alle Materialien und Dienstleistungen anzubieten, die man zur Produktion von hoch angereichertem Uran braucht!"

Dennoch dürfte es für Terroristen aus finanziellen, logistischen und technischen Gründen nahezu unmöglich sein, Atomwaffen von ausgefeilten Trägersystemen abzufeuern. Für die Experten des Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI ist daher das Szenario, dass Extremisten an Nuklearwaffen kommen, weitgehend unwahrscheinlich. So sagt Vitaly Fedchenko von SIPRI: "Szenarien wie Atomwaffenterror sind eher eine Spielfilmhandlung. In der Realität sind Atomwaffen zu gut gesichert, als dass Terroristen eine Chance hätten, sie zu stehlen." Die Stockholmer Denkfabrik unterscheidet vier Typen des Nuklearterrorismus.

 

Vier Typen des Nuklearterrorismus

Das ist einmal die gestohlene Atombombe, was für unwahrscheinlich gehalten wird, ebenso die Tatsache, dass Terroristen in den Besitz von radioaktivem Material wie Plutonium gelangen und daraus selbst Nuklearwaffen herstellen. Eine andere Variante wäre der Angriff auf eine Nuklearanlage zum Beispiel ein Atomkraftwerk. "Auch das", so die SIPRI-Experten, "halten wir für wenig wahrscheinlich, solche Anlage sind sehr gut geschützt!"

Die derzeit wohl größte Rolle und Gefahr spielt deshalb wohl die Verwendung von radioaktivem Material zusammen mit konventionellem Sprengstoff. Dabei ist bei einem solchen Anschlag nicht mit Zehntausenden Toten zu rechnen. Falls Terroristen eine so genannte "schmutzige Bombe" (dirty bomb) hochgehen lassen, dürften weniger Opfer als bei manch konventionellem Bombenanschlag zu beklagen sein.

Allerdings wäre die psychologische Wirkung, der Schock sowie Panik, Angst und Schrecken um ein Vielfaches größer. Was Terrorkommandos Herstellung einer "schmutzigen Bombe" brauchen, befindet sich nicht nur in staatlicher Obhut. Radio aktives Material findet sich in jeder größeren Klinik.

Positiv, was den "Freihandel" mit radiologischen Substanzen angeht, ist jedoch, dass sich die Situation heute deutlich verbessert. War im Hinblick auf atomaren Schmuggel Russland der frühere Risikofaktor, erst recht in den unruhigen 90er-Jahren unmittelbar nach dem Zusammenbruch der ehemaligen Sowjetunion, so stellt sich die Lage inzwischen deutlich stabiler dar. Denn auch Russland wird nicht nur durch den "klassischen" Terrorismus bedroht, sondern hat mit den USA gemeinsam die Furcht vor dem nuklearen Terrorschlag. Nicht von ungefähr bot Präsident Obama Russland Präsident Dimitri Medwedew nach den jüngsten Anschlägen auf die Moskauer U-Bahn Unterstützung im Kampf gegen den Terrorismus an. Diese gegenseitige Hilfe im Kampf gegen eine mögliche atomare "Hydra" des Terrors soll beim Washingtoner Atomgipfel weiter festgezurrt werden. Hysterie angesichts einer nuklearen Drohung ist zwar nicht angebracht, aber ein immer enger werdendes Netz breiter internationaler Kooperation ist das Gebot der Stunde. Denn von einem sind besonders US-Wissenschaftler, wie der Harvard Professor Graham Allison in seinem Buch über Nuklearterrorismus überzeugt, "dass es in den nächsten fünf Jahren auf der Welt zu einem nuklearen oder biologischen Anschlag kommt." Ein Szenario mit einer von Terroristen verursachten Atomexplosion beispielsweise in einer Megametropole wie New York, würde selbst die Angriffe vom 11. September verblassen lassen. Und das Streben militanter Islamisten nach dem Stoff, aus dem die Bombe ist, existiert wohl nach wie vor.

Quelle: Tophoven, Rolf: Washingtoner Atomgipfel: Die Angst vor dem nuklearen Terror. In: Hirschmann, Kai und Tophoven, Rolf: Das Jahrzehnt des Terrorismus, Essen 2010. S. 273 - 274.

03.03.2011

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