Bevölkerungsschutz

EHEC-Epidemie: Handlungsbedarf, um solche Ereignisse in Zukunft richtig zu bewerten

Von: Prof. Dr. Volker Schmidtchen

Anmerkungen zu EHEC

Bakteriologen und einschlägig interessierte Mediziner kennen selbstverständlich den 1911 im Alter von nur 53 Jahren verstorbenen Bakteriologen und Pädiater Theodor Escherich, einen Zeitgenossen Robert Kochs (Tuberkulose-Erreger 1882), der 1886 an der Münchener Universität im Alter von nur 29 Jahren habilitiert wurde. Er hatte im Rahmen seiner Forschungen ein Darmbakterium entdeckt, das ihm zu Ehren später Escherichia coli genannt wurde. Seit Mai 2011 ist sein Name auch vielen anderen Menschen ein Begriff, wenn es um  Enterohämorrhagische Escherichia coli (EHEC) geht. Diese schwere blutige Durchfallerkrankung geht auf Keime zurück, die im Darm von Wiederkäuern wie Rindern, Schafen und Ziegen vorkommen, den Tieren selbst jedoch nicht schaden. Damit infizierte Menschen können eine Magen-Darm-Grippe mit Brechdurchfall (Gastroenteritis) erleiden, die in schweren Fällen das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS) mit einer Schädigung der Nieren und des Gehirns als Folge hat und häufig zum Tode führt.

Zahl an neuen Infektionen geht zurück

Ursachen für eine EHEC-Erkrankung sind die Aufnahme solcher Keime über entsprechend verunreinigte Lebensmittel, verseuchtes Trinkwasser oder hygienische Defizite. Eine direkte Übertragung durch Kontakte von Tieren mit Menschen (Landwirtschaft) und von Mensch zu Mensch (Kindergärten, Altenheime, Kliniken) sind nachgewiesen. Jede Diagnose dieser Art ist an das Robert-Koch-Institut (RKI) zu melden. Im Vergleich: Im Jahre 2009 wurden beim RKI insgesamt 836 auf EHEC zurückgehende Durchfallerkrankungen, allerdings ohne hämolytisch-urämisches Syndrom (HUS), gemeldet. Seit den vermehrt aufgetretenen Erkrankungen im Mai 2011 handelt es sich bis zum 18. Juni mittlerweile um 3.408 an das RKI gemeldete Fälle von EHEC und HUS. Im Rahmen dieser Epidemie sind bislang 39 Menschen gestorben.

Nachdem zunächst in Norddeutschland verzehrte Gurken, Tomaten und Blattsalat als mögliche Überträger verdächtigt wurden, scheint nach den Ergebnissen intensiver und sehr zeitaufwändiger Untersuchungen ein Hof in Niedersachsen als Ausgangsort der Infektionen festzustehen. Es soll sich um von dort gelieferte und mit dem EHEC-Erreger kontaminierte Sprossen handeln. Der aggressive Keim wurde inzwischen auch in einem Bach in der Region Frankfurt nachgewiesen. Insgesamt betrachtet geht die Zahl an neuen Infektionen aber seit einigen Tagen zurück.

Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe Aufgabe der Bundesländer


Seit Wochen gibt es in den Medien eine aufgeregte Diskussion über die Epidemie, ihre Ursachen, die Folgen, die Verantwortlichkeiten und die Optionen, in Zukunft solche Ereignisse schneller und besser in den Griff zu bekommen. Dazu gehören auch Strukturüberlegungen zur Form der als unzureichend empfundenen bisherigen nicht-polizeilichen Gefahrenabwehr und der entsprechenden Krisenbewältigung. Am lautesten ist dabei der Ruf nach stärkerer Zentralisierung zur Vermeidung von Zeitverlusten und Kompetenzgerangel zu vernehmen. Dem steht allerdings die so einfach nicht zu ändernde Tatsache entgegen, dass im Rahmen unserer föderalen Staatsstruktur Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe Aufgabe der Bundesländer und in diesen laut Gesetz die Gemeinden die Träger der Gefahrenabwehr sind.

Es ist hier nicht der Ort, die vielfältigen Formen der Kritik am Krisenmanagement und an der Krisenkommunikation - ob berechtigt oder nicht - im vorliegenden Fall der EHEC-Epidemie nochmals aufzulisten, zu bewerten oder Verbesserungsvorschläge zu machen. Das ist Aufgabe der Politik und der "Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben" (BOS), und der werden sie sich hoffentlich auch stellen. Wir alle sollten uns aus gegebenem Anlass vielmehr mit einem sehr deutlichen, aber oft und gern verdrängten Mentalitätsproblem befassen. Dabei geht es um Empfindungen und Gewohnheiten.

Es bedarf einer Überprüfung der bisherigen Möglichkeiten der Krisenbewältigung


Werden wir mit außergewöhnlichen Ereignissen konfrontiert, empfinden wir diese je nach Fall und persönlicher Grundeinstellung entweder als eine Bedrohung oder als eine Herausforderung, der wir ausweichen oder der wir uns stellen möchten. Dabei neigen wir häufig zu sehr subjektiven eigenen Bewertungen, und somit wird die jeweilige Situation entweder bagatellisiert oder übermäßig aufgebauscht.

Im Klartext: Die Bewertung eines Schadensereignisses als "Katastrophe" folgt häufig eben nicht den in den Definitionen der Gefahrenabwehr festgelegten Kriterien, sondern wird gern individuell in die eine wie in die andere Richtung modifiziert. Selbstverständlich wird im individuellen Betroffenheitsbereich vieles als katastrophal empfunden, das im größeren Zusammenhang objektiv betrachtet ein solches Kriterium nicht erfüllt. Die aktuelle EHEC-Epidemie war und ist trotz der bislang 39 Toten und der mehr als 3.400 Erkrankten gemessen an der Gesamtbevölkerung Deutschlands eben noch keine Katastrophe. Dennoch sind die im Vergleich zu dem "normalen" jährlichen Krankheitsaufkommen in diesem Bereich exorbitant höheren Patientenzahlen schlimm genug und es bedarf zweifellos einer Überprüfung der bisherigen Möglichkeiten der Krisenbewältigung.

Eine zumeist verdrängte Alltagserfahrung ist unser aller Abhängigkeit von zentralen Versorgungsdiensten und der entsprechenden Infrastruktur, und das gilt auch für das Ausgeliefertsein im Verkehrsbereich. Sobald wir uns ans Steuer setzen, gehen wir ein Unfallrisiko ein. Das wird noch stärker empfunden, wenn wir uns im Taxi, im Bus, in der Bahn, im Flugzeug oder auf einem Schiff dem jeweiligen Fahrer, Lokführer, Piloten oder Kapitän sowie den entsprechenden technischen Systemen anvertrauen. Bei Unglücken wie bei Naturkatastrophen, die in der Regel bekanntlich außerhalb unserer individuellen persönlichen Einflussnahme liegen, erwarten wir Hilfe von dafür besonders ausgebildeten und befähigten Spezialisten. Dazu zählen beispielweise Feuerwehrleute, Ärzte, Rettungssanitäter, Polizisten, Techniker und ggf. Soldaten. Viele der im jeweiligen Fall ergriffenen Maßnahmen sind auch dem Laien nachvollziehbar. Das alles gilt bei sich epidemisch oder sogar pandemisch ausbreitenden Krankheiten jedoch nicht, und da liegt ein wesentlicher Grund für unsere Unsicherheit. Kaum jemand kann nachvollziehen, wie Laboruntersuchungen laufen, um welche Analysen es geht, was die Ergebnisse bedeuten, was dann zu tun ist, welche Chancen und Risiken es gibt etc. Das gilt übrigens auch für alle üblichen "Krisenbewältiger": von den Feuerwehren über die Rettungsdienste (allenfalls Transportaufgaben) bis zu Polizei oder den Spezialisten vom Technischen Hilfswerk, wenn es da keinen Ort gibt, zu dem man fahren kann, um zu löschen, zu retten oder zu bergen.

Virus oder Bakterium als unsichtbarer Feind

Hinzu kommt das Empfinden einer irgendwie anonymen Bedrohung, vor der wir uns vielleicht nur unzureichend schützen können: Virus oder Bakterium als unsichtbarer Feind. Es ist eine schlimmere Ausnahmesituation als bei herkömmlichen Unglücken oder Naturkatastrophen, die wir unter Rückgriff auf die Aussagen der jeweiligen Experten von den Einsatzkräften im Hinblick auf Schadensumfang und Zeitdauer  irgendwann annähernd einschätzen können. Wo wir sonst klare Anweisungen zum eigenen Verhalten in der Krisenlage bekommen können (was tun, wohin gehen, wie dahin kommen, wo bleiben, wen fragen? etc.), bleibt bei ansteckenden Krankheiten oder sich ausbreitenden Seuchen vieles im Unbestimmten. Denn auch die Experten wissen nicht alles, haben Zweifel, sehen noch Bedarf für weitere Untersuchungen, wagen keine definitive Abschätzung und benötigen vor allem immer noch mehr Zeit.

Von daher ist es schwer, sich auf derartige Szenarien einzustellen. Erinnern wir uns doch nur an die befürchteten Influenzapandemien mit SARS 2002/03 oder mit dem H1N1-Virus 2009/10. Beide sind bei weitem nicht so schlimm ausgefallen waren, wie die Experten es erwartet hatten. Deren Ankündigung sorgte jedoch bereits im Bereich des Bevölkerungsschutzes für einen  hektischen Aktionismus aller verantwortlichen Stellen, der einerseits dem besagten Unsicherheitsgefühl und andererseits dem nachvollziehbaren Bestreben geschuldet war, alles überhaupt Mögliche zum Schutz aufzubieten, um auf der sicheren Seite zu sein. Es muss in diesem Kontext aber festgestellt werden, dass es bei der für die staatlichen Behörden verpflichtenden Gewährleistung von Sicherheit für alle Bürger unter Einschluss der körperlichen und seelischen Unversehrtheit jedes Einzelnen keine eventuell ökonomisch motivierten Kompromisse geben darf. Wenn z. B. die bereit gestellten Impfchargen dann doch nicht benötigt werden (was niemand vorher wissen kann), werden sie ungeachtet der Kosten nach Ablauf ihrer Haltbarkeitsdauer vernichtet. Sicherheit hat eben ihren Preis.

Bevölkerungsschutz beginnt bei jedem von uns selbst


Gewohnheit prägt bekanntlich eine gewisse Mentalität, die sich in Krisenlagen häufig eher kontraproduktiv auswirkt. Wir verfügen in unserem Lande über ein erprobtes und oft bewährtes System der garantierten öffentlichen Hilfeleistung für sehr viele denkbare Schadensereignisse. Darauf greifen wir bei Bedarf immer gern zurück, ob es sich um den dringend erforderlichen Notarzteinsatz oder das geliebte Haustier auf dem Baum handelt. Es ist etwas passiert, und wir erwarten, dass sich umgehend jemand - ob Arzt, Feuerwehr, Rettungsdienst, Polizei oder die örtliche Verwaltung - darum kümmert. Bevölkerungsschutz beginnt aber bei jedem von uns selbst, denn erst einmal geht es um den eigenen Schutz, soweit uns das möglich ist. Wie beim Verkehr die im Auto mitzuführende Warnweste und das Warndreieck eindeutig dem Eigenschutz und der Verbandskasten der ersten Selbst- und Fremdhilfe dienen, so kann die freiwillige Komplettierung der Ausstattung durch eine warme Decke und ein Sechserpack Mineralwasser einen durch äußere Umstände erzwungenen längeren Aufenthalt im Fahrzeug bei extrem kalten oder warmen Außentemperaturen leichter gestalten. Wir müssen es nur eben selbst tun und nicht ausschließlich darauf vertrauen, dass im gegebenen Fall irgendwann ein freundlicher Rotkreuzhelfer mit Decke und Tee erscheint.

Gleiches gilt für die immer mögliche Gefährdung durch epidemische Krankheiten. Es macht schon nachdenklich, wenn staatliche Stellen glauben, die Bevölkerung daran erinnern zu müssen, sich nach dem Toilettenbesuch gefälligst die Hände zu waschen, und dass Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner als guten Rat zur Prävention vor den EHEC-Keimen banale hygienische Selbstverständlichkeiten anmahnt: "Auf Gemüse muss niemand verzichten. Rohes Gemüse und Obst vor dem Essen schälen oder zumindest gründlich waschen." Offenbar gibt es generell noch erheblichen Informations- und Handlungsbedarf. Machen wir doch bitte alle erst unsere eigenen Hausaufgaben, auch und gerade im Bereich des so wichtigen Bevölkerungsschutzes. Dann können wir zurecht die vorhandenen öffentlichen Strukturen kritisch betrachten und ggf. ihre Optimierung verlangen. Es gibt noch viel zu tun, packen wir es an!

25.07.2011

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