Globale Entwicklungen, Regionale Herausforderungen

Die enttäuschte Hoffnung: Afghanistan vor dem Rückfall?

Von: Nadia Fasel und Kai Hirschmann

Frauen und Menschenrechte
So viele afghanische Frauen haben in diesen Jahren all ihre Hoffnung auf Verbesserung ihrer Situation gesetzt. Hoffnung dahingehend, als Menschen mit vollwertigen Rechten und als gleichwertig zu den Männern anerkannt und geachtet zu werden. Afghanistan wurde in diesen Jahren der Hoffnung auf Freiheit stattdessen Zug um Zug zu einem Gefängnis für sie. Gewalt jeglicher Art gegen Frauen und Kinder nimmt stetig zu. Die mittelalterliche Steinigung hauptsächlich von Frauen, die der Westen schon überwunden glaubte, wird immer öfters beobachtet. Die Zwangsverheiratung von kleinen Mädchen, die hierzulande gerade mal im ersten oder zweiten Schuljahr wären, ist gängige Praxis und an der der Tagesordnung. Sie gilt als normal. Elf- und zwölfjährige Mütter sind überhaupt keine Seltenheit. "Heiratsfähige" Mädchen, oft sogar noch im Kindesalter, dienen in großem Umfang als Tauschobjekt oder Ersatzwährung - es ist üblich mit ihnen Schulden abzutragen oder für Waren und Dienstleistungen zu bezahlen.

Trotz aller Fortschrittsbekundungen und ratifizierter Menschenrechtskonventionen ist vielerorts die Frau über den Status eines Sexualobjekts und einer Gebärmaschine mit Hauswirtschafts- und Erziehungsaufgaben auch in letzter Zeit nicht hinausgekommen. Das patriarchische (Selbst-) Verständnis des Mannes, immer gerne mit Religion begründet und mit Tradition verbrämt, hat sich in diesen Jahren so gut wie nicht verändert. Tragen Frauen in der Öffentlichkeit nicht die Burka, müssen sie sich immer noch zu oft als Selbstverständlichkeit gefallen lassen deswegen auf der Straße in einem Spießrutenlauf von wildfremden Männern auf Übelste beschimpft zu werden.

Die skrupellose Vergewaltigung minderjährige Knaben durch perverse Männer, auch aus höchsten Kreisen, ist immer noch sehr weit verbreitet - jeder in Afghanistan weiß das, doch die Behörden schauen weg und bleiben passiv; Sanktionen bleiben aus. Die zerstörten Kinder werden mit dem Erwachsenwerden "entsorgt" und finden als Wracks für den Rest ihres Lebens nur noch selten den Weg zurück in ein normales Leben. Auch Tötungen kommen sehr oft vor. Armut ist in der Bevölkerung weit verbreitet - nahezu die Hälfte der Bevölkerung lebt unterhalb oder an der Armutsgrenze; Arbeitslosigkeit, Verzweiflung, verhungernde Kinder, zwingen als Konsequenz die Frauen zur Bettelei oder in die Prostitution.

Der sich, besonders hier im Westen, immer weiter verbreitende Gedanke, die Taliban am politischen Prozess im Lande zu beteiligen, verursacht beim Großteil der Bevölkerung und vor allem bei den Frauen Angst und Schrecken - haben doch die Menschen in Afghanistan eine langjährige und immer noch frische schlimme Erfahrung mit dieser kriminellen Terrorgruppe. Zudem besteht die Angst auch deshalb, weil die internationalen Sicherheitskräfte zuerst und die zivilen Aufbaukräfte unmittelbar danach das Land verlassen werden bzw. schon dabei sind. Traumatische Erinnerungen an Unterdrückung, Vertreibungen und gewaltsame Umsiedlungen, an Vernichtung von Hab und Gut, an Verbrennung der Ernten bis hin zu Vergewaltigungen, Hinrichtungen und Völkermord leben wieder auf und paralysieren das Land schon jetzt.

Ein Vorgeschmack auf das, was kommen könnte, lieferte vor den Augen der Welt ein Ereignis im August 2010. Ein verliebtes, aber unverheiratetes junges Pärchen, Seddiqa und Khayam, wurden ob ihres Verhältnisses zueinander bestraft. In Daschte-Artschi, Kunduz, wurde durch zwei Mullahs eine Fatwa (= islamisches Rechtsgutachten) gegen die beiden jungen Menschen ausgesprochen. Vor einigen hundert Männern wurde daraufhin das junge Mädchen bis zum Oberkörper eingegraben, mit einer blauen Burka bedeckt und bis zu ihrer Regungslosigkeit mit Steinbrocken beworfen und, obwohl bereits leblos, mit 3 Schüssen aus nächster Nähe in den Kopf geschossen. Khayam, ihr Geliebter, wurde dann im Anschluss auf brutalste Art niedergemetzelt. In einem Telefoninterview der BBC mit einem Sprecher der Taliban, Zabihulla Mujahed, rechtfertigte dieser die grausame Hinrichtung damit, dass die Steinigung im Koran und in der Scharia vorgesehen sind und dass alle, die dies kritisieren oder in Frage stellen, den Propheten damit beleidigen und fremde Gedanken in das Land tragen.

Taliban als Verhandlungspartner
Die zentrale sicherheitspolitische Herausforderung besteht heute nicht in starken Staaten, sondern vielmehr in schwachen Staaten wie Pakistan und Afghanistan. Dabei ist Pakistan das Hauptproblem, Afghanistan ein Folgeproblem. Pakistan, als Staat ein künstlich geschaffenes Gebilde, zerfällt weiter in seine Bestandteile. Die jüngsten Entwicklungen zeigen, wie tief Pakistan bereits im Sumpf des Dschihad-Terrorismus versunken ist. Religiöser Fanatismus, Stammesfehden und politisch motivierter Terror sind alltäglich geworden in Pakistan. Ganze Regionen entlang an der afghanischen Grenze sind unregierbar und der Kontrolle des Staates entzogen.

Das nutzen die Fanatiker; hier können sie Regionen in ihrem Sinne unterwandern. Staatszerfall und Diktaturen sind die Quellen des militanten Islamismus. Der Dschihad ist eine Weltanschauung und betrachtet alle diejenigen als Feinde, die nicht der eigenen Ideologie anhängen. Der 'Dschihad-Kampf' wird als Weg gesehen, an dessen Ende eine neue, komplett andere Politik- und Gesellschaftsordnung stehen soll. So auch bei den 'Studierenden des Koran', den Taliban, deren Heimat die Religionsschulen im pakistanischen Grenzgebiet waren und sind. Die Extremisten gründeten oder unterwanderten zahlreiche Schulen, die sie für Ausbildung und Training nutzen. So entstanden fortwährend sprudelnde Quellen des Dschihad.

Wie schamlos der Glaube von Fanatikern wie den Taliban missbraucht wird, bleibt häufig ebenso verborgen wie die wahren Absichten der 'vermeintlichen Heilsbringer'. Mit der Weltreligion Islam und dessen heiligen Schriften haben die Dschihad-Ideen wenig zu tun. Um sie religiös zu legitimieren, werden wie bei allen fundamentalistischen Bewegungen Glaubenssätze aus dem Zusammenhang gerissen und zu einem eigenen Weltbild zurechtgebogen.

Dschihad-Aktiven wie die Taliban glauben, mit ihrem Handeln einem religiösen Gebot nachzukommen. Und das ist für sie nicht verhandelbar. Dennoch glauben besonders Politiker im Westen, mit "gemäßigten Taliban" könnte verhandelt werden. Erstens gibt es keine gemäßigten Taliban, sondern allenfalls solche, die auf ihrem weg zur Macht bereit sind, weniger blutig vorzugehen. Zweitens sind die Taliban keine Ethnie, sondern eine Geisteshaltung, deren Weltanschauung auf Gewalt und Zwang basiert und mit anderen Gesellschafts- und Politikentwürfen nicht einmal im Ansatz kompatibel ist.

Inzwischen nennt selbst Präsident Karsai Verhandlungen mit Taliban nutzlos und hält sich weitgehend zurück. Zunächst war er ein Befürworter solcher Gespräche. Inzwischen aber hat er die Hoffnung aufgegeben, mit solchen Fanatikern Frieden zu erreichen. Das afghanische Volk will die Taliban mit überwältigender Mehrheit nicht. Schlussfolgerung: Es darf sich nicht lohnen, sich gegen den Willen der Bevölkerung einen Platz in der afghanischen Politik herbeizubomben. Was also treibt westliche Politiker an?

Was bringt die Zukunft?

Was wird also nach dem Rückzug der zivilen und militärischen Kräfte aus Afghanistan geschehen, womit ist zu rechnen? Wird Afghanistan wieder eine Gefahr für den Frieden in dieser Welt? Es ist nicht zu erwarten, dass afghanische Sicherheitskräfte in der Lage sein werden, die Sicherheit im Lande nachhaltig sicherzustellen. Somit ist es kein unwahrscheinliches Szenario, dass dann die Taliban zurückkehren werden. Was wird mit den Menschen und Frauen in Afghanistan geschehen, die große Hoffnung auf die westliche Unterstützung bei Aufbau und Freiheit gesetzt haben und was wird mit denjenigen geschehen, die aktiv und eng mit den westlichen Kräften für eine bessere Zukunft zusammengearbeitet haben? Sie gelten in den Augen der Taliban damit als ungläubig und als Handlanger der Feinde. Wie werden sie mit diesen "Verrätern" verfahren? Was wird mit der hoffnungsvollen jungen Generation geschehen, die im Land Schulen hat besuchen können beziehungsweise im Ausland studiert und wieder zurück ins Land gekommen ist, die gut gebildet und hochmotiviert ist?

Doch die Taliban sind nicht die einzige Gefahr. Bislang hat der Westen seine schützende Hand über Hamid Karsai und seine Regierung gehalten, weil sich hier bequeme Verhandlungspartner anboten. Dabei sind sie eher Teil des Problems als Teil der Lösung. Dem afghanischen Volk fehlt inzwischen auch das Vertrauen in die eigene Regierung. Auch hier besteht dringender Handlungsbedarf.

Und schließlich: Haben wir das Schicksal der afghanischen Frauen und Kinder unter der Knute der Fundamentalisten wirklich schon vergessen oder was bewegt uns, Gespräche und Verhandlungen mit den Totengräbern des afghanischen Volkes für möglich zu halten? Es handelt sich um Menschen, die Gewalt, Schrecken und Unterdrückung für religiös geboten halten. Kann es einen größeren Missbrauch des Islam überhaupt geben? Wir dürfen nicht tatenlos zusehen, bis das bisher Aufgebaute und Geleistete durch die Hände dieser Verbrecher zerstört wird. Das bisschen Hoffnung nach über drei Jahrzehnten Krieg und schlimmster Entbehrungen, dass sich in den letzten Jahren entwickelt hat, darf nicht wieder durch Angst und Terror zerstört werden. Wir dürfen Afghanistan nach all den bisherigen Bemühungen und Opfern nicht im Stich lassen.

07.12.2011

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