Globale Entwicklungen, Regionale Herausforderungen

Afghanistan-Politik: Ablasshandel mit den Taliban?

Von: Nadia Fasel

Eine Parallele dieser fragwürdigen Praxis scheint sich auch gerade in diesen Tagen abzuspielen - die Sünder heutzutage trugen bis zuletzt auf ihren Köpfen schwarze Turbane und in ihren Händen Schnellfeuerwaffen und Granaten. Jetzt, im Vorfeld und während der Petersberg-Bonn-Gespräche Anfang Dezember 2011 sieht man sie in Anzügen mit Krawatte und mit unschuldig leeren Händen. Es sind die Taliban, die derzeit scheinbar von der Bundesregierung ihren Ablassbrief erhalten, um zu vollwertigen und honorigen Verhandlungspartnern geadelt zu werden, ihnen alles Morden, Töten, Vergewaltigen und Terrorisieren damit vergebend.

Menschenrechtsverletzungen nehmen zu

In einem Interview (Bild am Sonntag, 27.11.2011) sagte Außenminister Westerwelle, dass er kein Problem damit habe, Taliban am Verhandlungstisch in Bonn die Hand reichen zu müssen: "Ich habe als Außenminister schon Manchem die Hand gegeben. Das ist Teil meiner Arbeitsbeschreibung". Trotz des nunmehr zehnjährigen westlichen Engagements in Afghanistan müssen immer noch und gerade in jüngster Zeit zunehmend fürchterliche Greueltaten aus Terror und Krieg mit großen Opfern vor allem für die Zivilbevölkerung hingenommen werden. Bei allen Erfolgen des Aufbaus ist die Zukunft des Landes aber ungewisser denn je. Menschenrechtsverletzungen nehmen zu, Vertrauen zum Westen schwindet, Angst und Agonie allseits machen sich breit.
Jetzt, nach 10 Jahren, bevor alles zu spät ist, muss eine Zäsur erfolgen - Fehler müssen rückhaltlos analysiert und die daraus gewonnen Erkenntnisse konsequent und nachhaltig um- und durchgesetzt werden, Menschenrecht und das Recht auf freie Meinungsäußerung müssen beachtet werden. Und es muss endlich auf die richtigen Personen gesetzt werden - immer dabei die Problemfelder 'Korruption', 'Vetternwirtschaft', 'Unprofessionalität' und auch das Hegemonialstreben des paschtunischen Bevölkerungsanteils im Auge behaltend.

Religiöser Fundamentalismus auf Kosten der Frauen, der Religions- und Meinungsfreiheit
Es ist mehr als fragwürdig, an Zukunftsgesprächen diejenigen zu beteiligen, die nicht nur Ursache dieser schrecklichen Entwicklungen im Land sind, nein, die auch dafür stehen, dass sie ihren religiösen Fundamentalismus unter anderem auf Kosten der Frauen, der Religions- und Meinungsfreiheit auch gegen alle Widerstände und mit aller Härte und Konsequenz durchsetzen wollen und werden.
Sollte man, wie Herr Minister Westerwelle und andere, die Angelegenheit immer noch so leicht nehmen, so sollte doch verpflichtend sein, sich mit unserer jüngsten deutschen Geschichte zu befassen. Spätestens dann sollte einem die Absurdität der 'westerwelleschen Denkart' ins Auge springen: Wäre es nach 1945 denkbar gewesen, die schreckliche Vergangenheit des 'Tausendjährigen Reiches' mit Nazigrößen und mit SS-Schergen aufzuarbeiten und/oder diese Verbrecher gar am Aufbau des neuen Deutschlands zu beteiligen? Man stelle sich vor, NS-Größen wie Heydrich, Himmler, Eichmann und Bormann oder manch "gemäßigter"(!) Nazi hätten damals im Parlamentarischen Rat über die Zukunft der Bundesrepublik Deutschland mit entschieden, gar die Präambel des Grundgesetzes mit unterzeichnet oder wären dann vielleicht auch noch in der ersten Bundesregierung beteiligt gewesen.

Haben westliche Politiker den Holocaust unter der Talibanherrschaft verdrängt?
Vor diesem Hintergrund muss die Frage gestellt werden, warum die für ihre Schreckenstaten bekannten Taliban wie zum Beispiel Mullah Abdul Salam Zaeef, Botschafter der Taliban in Pakistan und Wakil Ahmad Muttawakil, Außenminister der Taliban während der Talibanherrschaft in Afghanistan, sich frei und unbeschwert bewegen können und darüber hinaus von westlichen Politikern auch noch regelrecht hofiert werden. Vergisst man denn den furchtbaren Holocaust unter der Talibanherrschaft 1996 - 2001? Hat man die brutale Vertreibung von über 300.000 Menschen aus dem Norden Afghanistan aus dem Gedächtnis verdrängt? Kennen die Ohren den grausamen Klang der Todesschreie von Frauen und Mädchen, die gesteinigt wurden, nicht mehr? Hat man die Bilder von Menschen vergessen, denen die Nasen, die Ohren oder Finger abgeschnitten wurden, die auf bestialischste Weise vergewaltigt wurden, Männer oder Frauen, Jungen oder Mädchen?

Wir zahlen, aber die Taliban werden nicht liefern, Herr Minister Westerwelle!
Wieso lässt man jetzt und hier in Deutschland mit unserer deutschen Vergangenheit unter unserer Regie aber die Taliban an den Verhandlungstisch, an deren Händen das Blut tausender Opfer klebt - auch das unserer gefallenen Bundeswehrsoldaten! Es ist zu bezweifeln, ob Herr Minister Westerwelle ein guter Lehrling von Johann Tetzel ist - hat dieser Tetzel weiland doch wenigstens Geld für seine Ablassbriefe von den Sündern bekommen - was aber erhält man jetzt von den Taliban für deren Absolution? Es ist zu befürchten, dass im Kasten kein Geld klingelt - Taliban, auch "gemäßigte" und "weniger böse" Taliban, wollen und können nichts von ihren Positionen abgeben! Wir zahlen, aber die Taliban werden nicht liefern, Herr Minister Westerwelle!

Zur Autorin: Nadia Fasel ist afghanische Dichterin und Journalistin.
Sie ist Vorsitzende der afghanisch-deutschen Initiative Zukunft für Afghanistan e.V.

21.12.2011

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