Die Süddeutsche Zeitung zitiert den Bundesnachrichtendienst (BND), der von „IS-Mentoren“ spricht. Darunter verstehen die Fahnder eine neue, ziemlich erfolgreiche Methode und gefährliche Form des Terrorismus. Diese wird vor allem vom sogenannten Islamischen Staat (IS) praktiziert. Konkret – so das Blatt – geht es darum, „über das Internet Täter zu finden, sie aufzuhetzen, zu möglichst grausamen Anschlägen zu bewegen – und sie dabei aus der Ferne anzuleiten“. Für die Anwerber gilt strikte Anonymität! Bestätigt wird dies auch durch einen kürzlich erschienenen Bericht in der New York Times.

Nach Erkenntnissen der deutschen Sicherheitsbehörden und Anti-Terror-Fahnder scheint dieser ferngesteuerte Terrorismus eine weltweit eskalierende Werbemethode der Islamisten zu sein – mit besonderen Erfolg in Deutschland. Generalbundesanwalt Falk wird mit der Aussage zitiert: „Wir beobachten dieses Phänomen seit gut einem Jahr, von Fall zu Fall in unterschiedlicher Intensität. Ein Grund dürfte in der zunehmenden Digitalisierung der Welt und dem damit einhergehenden geänderten Kommunikationsverhalten liegen“. Terror per Fernsteuerung über Handy. Sternstunde der sogenannten „einsamen Wölfe“ des Terrors!

Internationale und nationale Geheimdienste stellten bei der Untersuchung erfolgreicher, aber auch fehlgeschlagener Terroroperationen unter dem Logo der Terrormiliz IS schon seit längerem fest, geplante Angriffe erforderten einen wachsenden Einfluss von Informationsaustausch. Dieser läuft jedoch zunehmend im Lebensraum der Täter ab, was andererseits keinen militärischen Drill oder Terrortraining im Ausland, sprich in den Camps des IS, oder im Kriegseinsatz in Syrien, bedingt. Visabestimmungen und Flughafenkontrollen werden auf diese Weise überflüssig.

Die Zauberformel heißt in diesem Kontext: Der ferngesteuerte und gelenkte „einsame Wolf“ durch den IS. Es sind die virtuellen Trainer oder Mentoren des Dschihad, die Vorbereitung und Führung des Anschlagsprozesses sowie die Motivation dazu begleiten. Analysten der Terrorbekämpfung haben bei der Untersuchung der Kommunikation zwischen der Führungsfigur und dem Täter herausgefunden, dass es einen direkten Informationsstrang zwischen ihnen gibt, oft bis zu wenige Minuten, ja sogar Sekunden, bevor der Individualtäter die Terrorattacke ausführt – ohne seine „Führungsfigur“ zu kennen oder gar diese in einem bestimmten Land oder einer bestimmten Region zu verorten.

Die Nutzung von Mittelsmännern zur Steuerung von terroristischen Aktion hat bei internationalen Sicherheitsbehörden weltweit Besorgnis ausgelöst, denn diese Methode über Fernsteuerung Grenzen und Länder zu überspringen erweitert Handlungs- und Aktionsräume von Europa bis nach Asien und weiter in die USA.

Elektronische Terror-Fernsteuerung ist, was den sogenannten Islamischen Staat betrifft, ein relativ junges Verfahren der Akquirierung bzw. Rekrutierung der „einsamen Wölfe“. Bis gut vor einem Jahr propagierte und forderte die Terrormiliz, die Reise nach Syrien ins Kampfgebiet sei für ihre Rekruten eine „spirituelle Verpflichtung“. Die Werber des IS bezeichneten die physische Reise dorthin als „hirjah“. Dieses arabische Wort wird gemeinhin gebraucht und religiös überhöht, um die Flucht des Propheten Mohammed aus Mekka vor der Verfolgung durch seine Gegner zu kennzeichnen.

Angesicht der Rückschläge des IS durch die alliierte Anti-IS-Koalition auf dem eigentlichen Schlachtfeld in Syrien und zunehmend im Kampf um die irakische Stadt Mossul rät die Organisation nun immer stärker dazu, und dies gilt vor allem für Europäer, auch Deutsche, jenen, die das Kalifat physisch nicht erreichen können, auf die spirituelle Verpflichtung einer Reise nach Syrien zu verzichten und stattdessen, den Kampf in ihren jeweiligen Heimatländern zu führen.

War bislang der sich selbst radikalisierende Einzeltäter, der sogenannte „einsame Wolf“ die große anonyme Bedrohung für die internationale Öffentlichkeit und ihre Sicherheit, so enthüllen erbeutete Fahndungsdokumente nun zunehmend, dass die Attentäter zwar alleine handelten – so ist es in Pressemeldungen oft verbreitet worden – in Wirklichkeit jedoch unmittelbar vor der Tat noch Kontakte mit Mittelsmännern des IS vorlagen bzw. diese gepflegt wurden.

Zwei klassische Beispiele ferngesteuerter terroristischer Einsatze sind die Anschläge in Würzburg und in Ansbach. Im Juli 2016 zündete ein 27-jähriger Asylant in Ansbach vor einem Weinlokal eine Rucksackbombe, verletzte 15 Personen und kam selbst ums Leben. Im selben Monat attackierte ein 17-jähriger Flüchtling in einem Zug nach Würzburg mit einer Axt und einem Messer mehrere Passagiere und auf seiner Flucht eine Spaziergängerin. Eine Spezialeinheit der bayerischen Polizei tötete den Angreifer. Besonders diese Beispiele zeigen den Modus operandi des ferngesteuerten Terroreinsatzes. Unmittelbar vor der Ausführung der Tat stand der Würzburg-Attentäter noch mit seinem IS-„Führungsoffizier“ in Kontakt. Dieser riet dem Teenager einen PKW für die Tat einzusetzen, statt einer Axt, denn ein Auto habe eine größere Wirkung. Der junge Terrorist lehnte mit der Begründung ab, er habe keinen Führerschein.

Angesicht der Rekrutierung, Indoktrinierung und einer Fernsteuerung der Terroristen bis unmittelbar vor Tatausübung, sind die aufgefundenen Handys von potenziellen Tätern im ersten Blickfeld der Terrorfahnder bei Polizei und Nachrichtendiensten. Mit Hilfe amerikanischer Geheimdienste und des FBI haben auch deutsche Sicherheitsdienste selbst verschlüsselte Chats bisweilen sichtbar machen können.

 

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