In diesen Tagen erinnert sich Deutschland an den sogenannten „Deutschen Herbst“, die Terrorkampagne der linksextremistischen Terrorgruppe RAF (Rote Armee Fraktion) vor 40 Jahren.

Höhepunkt des Terrors war am 5. September 1977 die Entführung des damaligen Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer und die Ermordung seines Fahrers und seines dreiköpfigen Begleitkommandos. Mit der Entführung Schleyers sollte die Bundesregierung zur Freilassung des in Stuttgart-Stammheim einsitzenden Führungskaders der RAF um Andreas Baader und Gudrun Ensslin erpresst werden.
Zur Unterstützung der Forderung ihrer deutschen Genossen nach Freilassung der RAF-Führungsriege entführte ein palästinensisches, vierköpfiges Terrorteam der „Volksfront zur Befreiung Palästinas“ am 13. September 1977 die Lufthansa Maschine „Landshut“ auf ihrem Flug von Mallorca nach Frankfurt. Nach einer Odyssee über mehrere Länder des Nahen Ostens landete die Maschine schließlich auf dem Flughafen der somalischen Hauptstadt Mogadischu.
Dort schlug am 18. Oktober 1977 die Stunde der fünf Jahre zuvor gegründeten Anti-Terroreinheit des damaligen Bundesgrenzschutzes (heute Bundespolizei), der GSG 9. In einer spektakulären Aktion befreite die Spezialeinheit unter Leitung ihres Gründers Ulrich Wegener unter dem Codewort „Feuerzauber“ alle 86 Geiseln und fünf Besatzungsmitglieder aus der gekaperten „Landshut“– alle blieben unverletzt.
Drei Terroristen wurden erschossen, eine Terroristin überlebte schwer verletzt.
Aufgrund der gescheiterten Befreiungsaktion begingen die Häftlinge Baader, Ensslin und Raspe in Stuttgart-Stammheim Selbstmord. Der entführte Hanns Martin Schleyer wurde tot im Kofferraum eines Wagens im Elsaß aufgefunden. Seine Entführer hatten ihn ermordet.
Die spektakuläre Aktion auf dem Flugfeld von Mogadischu brachte der GSG 9 weltweite Reputation und Anerkennung. Angesichts des kommenden Jahrestages  der erfolgreichen Geiselbefreiung am 18. Oktober 1977  sprach der Terrorismusexperte und langjährige Kenner der GSG 9 Rolf Tophoven exklusiv für Focus Online mit dem derzeitigen Kommandeur des Verbandes, dem Leitenden Polizeidirektor Jerome Fuchs.

 

Herr Fuchs, Sie sind jetzt 20 Jahre bei der GSG 9, zählen also nicht mehr zur legendären Mogadischu-Generation. Was empfinden Sie heute, als aktueller Kommandeur der GSG 9, in der Rückschau angesichts des 40. Jahrestages der damaligen Aktion?

Natürlich erfüllt es mich mit Stolz, der GSG 9 schon viele Jahre anzugehören und diese Spezialeinheit heute führen zu dürfen. Die Befreiung der Geiseln aus der Lufthansa-Maschine „Landshut“ unter Führung unseres Gründungs-Kommandeurs, Herrn General Wegener, hatte den Grundstein für die Reputation gelegt, die die GSG 9 bis heute weltweit genießt. Ich stelle in Gesprächen mit Angehörigen nationaler und internationaler Spezialeinheiten häufig fest, dass dieser Einsatz in Mogadischu nicht in Vergessenheit geraten ist, trotz der 40 Jahre, die seitdem vergangen sind. So ist es auch für die aktuelle Generation der GSG 9 immer eine besondere Freude und auch Ehre, Herrn Wegener und die Kameraden der ersten Stunde bei besonderen Gelegenheiten wieder zu treffen.

 

Die Mogadischu-Tradition hat den Verband geprägt, aber die technischen Entwicklungen von Polizei-Spezialkräften haben sich rasend schnell weiterentwickelt, auch das Gegner-Profil von heute ist ein anderes als jenes von vor 40 Jahren. Wie sieht die GSG 9 diese Entwicklungen und wie wird sie damit fertig?

Für die GSG 9 war es zu jeder Zeitspanne ihres Bestehens Verpflichtung und professioneller Anspruch „vor die Lage zu kommen“. Das heißt niemals in der Entwicklung von Taktik und Technik stehen zu bleiben, um stets den entscheidenden Schritt voraus sein zu können. Gerade heute ist der nationale und internationale Austausch mit anderen Premium-Spezialeinheiten entscheidend, um immer von den aktuellsten Einsatzerfahrungen zu profitieren, beziehungsweise eigene Erkenntnisse in diesem Kreis weiter zu geben.

Vor dem Hintergrund der terroristischen Anschläge, die wir in Europa in jüngster Vergangenheit erleben mussten, sehe ich zwei Aspekte. Zum einen bereitet sich die GSG 9 selbst auf eine schnellstmögliche Verlegung zum Ereignisort mit Hubschraubern und Fahrzeugen vor. Zum andern kommt der Fortbildung von den Polizeikräften durch die GSG 9 eine besondere Bedeutung zu, die als erste am Ereignisort eintreffen. Hier hat sich die GSG 9 schon umfangreich eingebracht und wird dies weiter tun.

 

Traditionen können einerseits Stolz und Zufriedenheit bei einem Verband auslösen, können andererseits aber auch eine Art Belastung darstellen, angesichts der Geschichte und vergangener Erfolge. Spielt das bei der jungen Generation der GSG-9-Männer von heute überhaupt noch eine Rolle?

Ich glaube, dass das auch bei der aktuellen GSG-9-Generation eine Rolle spielt. Eine Tradition zu haben ist wichtig, es motiviert und ich persönlich assoziiere damit auch nichts Negatives. Die heutigen Angehörigen der GSG 9 sind genau so stolz darauf, das traditionelle Tätigkeitsabzeichen der GSG 9 zu tragen, wie es die Generation vor 40 Jahren war. Und natürlich bedeutet der berühmte Einsatz in Somalia noch immer Verpflichtung für meine Kameraden und mich persönlich. Wir übertreiben es damit aber auch nicht. Dieser Einsatz ist für uns unbestritten ein positives Beispiel, die Abläufe, die man intensiv trainiert hat, auch unter Druck abrufen zu können und den Kopf zum Denken dennoch frei zu haben. Schließlich hat der Verband aber auch in über 1900 anderen erfolgreichen Einsätzen – von denen viele der Öffentlichkeit verborgen geblieben sind – bis heute bewiesen, dass er mit besonderer Erwartungshaltung und Belastung umgehen kann.