Sie sind auf dem Rückzug! Der sogenannte Islamische Staat (IS) verliert die einst eroberte zweitgrößte Stadt im Irak, Mossul, und auch die Schaltzentrale der Terrormiliz im syrischen Rakka wird in nicht allzu langer Zeit vor der internationalen, US-geführten Anti-IS-Koalition kapitulieren müssen. Der geographische Raum des IS schmilzt, die Kommandostruktur der Kader im Kerngebiet der Sunniten-Miliz zerbröselt, viele Top-Kommandeure sind durch Luftschläge getötet oder in Bodenkämpfen mit der irakischen Armee umgekommen. Nach außen, so scheint es, bröckelt das „Kalifat“, doch die Kraft und Motivation der politischen Ideologie der selbsternannten „Gotteskrieger“ scheint ungebrochen.

Trotz der militärischen Niederlagen scheint der IS gefährlicher denn je. Anschläge in Europa in den letzten beiden Jahren wie in Paris und Brüssel, die jüngste Blutspur der drei Anschläge in London, die Terrorattacken in Deutschland (in Würzburg und Ansbach) mit ihrem makabren Höhepunkt durch den Anschlag kurz vor Weihnachten 2016 in Berlin haben erneut die Schlagkraft des IS durch ferngesteuerte „einsame Wölfe“ und durch koordinierte Operationen von Terrorzellen demonstriert.

Während sie auf dem Schlachtfeld in Nahost zunehmend unter Druck und auf dem Rückzug sind, greifen dagegen die Propaganda und der virtuelle Dschihad umso stärker, nisten sich in den Köpfen potenzieller Anhänger in Asien, in Nahost, in Teilen Afrikas, im Maghreb und in Europa ein und bringen im „Namen Allahs“ Tod und permanente Herausforderung.
Der Feldzug des IS verschont die „Ungläubigen“ nicht – ob Christen in Europa, Kopten in Ägypten oder Muslime der schiitischen Gemeinden im Irak, die nach dem Selbstverständnis der sunnitischen Terrormiliz IS nicht nur als „Ungläubige“ gelten, sondern auch als Erzfeind aller Sunniten in der Golfregion.
Dass der Islamische Staat nicht nur auf Einzeltäter setzen muss, was manche Extremismusforscher vorschnell als „Schwäche“ bezeichnen, zeigt der koordinierte Angriff eines mehrköpfigen Terrorkommandos zeitgleich auf Ziele in Teheran. Am 7. Juni 2017 griffen Iraner, die vom IS rekrutiert waren und unter dem Banner der Terrormiliz in Syrien und im Irak gekämpft hatten, parallel das Parlament in der Hauptstadt sowie das 20 Kilometer entfernt liegende Mausoleum des Revolutionsführers Ayatollah Khomeini an. Die Angriffe forderten insgesamt 17 Tote und über 40 Verletzte.

In einer ersten Stellungnahme über seinen Medienkanal Amak reklamierte der IS seinen ersten Anschlag im Iran für sich und kommunizierte, seine „Kämpfer hätten den Khomeini-Schrein und das Parlament angegriffen“. Bereits im März 2017 hatte ein IS-Drohvideo auf Farsi die im Iran lebende Minderheit der Sunniten (circa 9 Prozent der Bevölkerung) aufgerufen, sich gegen das gegenwärtige Regime im Iran zu erheben und den „Pfad des Dschihad“ zu beschreiten. Das besagte Video stammte von einer Gruppe „persischer“ Kämpfer, die zu einer sogenannten Salman Al-Farisi Brigade gehörten. Bei dieser Gruppe soll es sich um eine neugegründete Spezialeinheit des IS handeln, die besonders für den Häuserkampf in städtischen Gebieten trainiert wurde. Mit dem Terrorschlag mitten in Teheran hatte der sunnitische IS die Konfrontation mit der schiitischen Minderheit im Islam erneut eskalieren lassen und wiederum demonstriert: Trotz aller Rückschläge können wir auch im vermeintlich sichersten und stabilsten Land im Mittleren Osten zuschlagen. Denn der Anschlag zerstörte den Mythos, den Irans Sicherheitsbehörden und Streitkräfte aufzubauen versuchten, ihr Land sei eine Insel der Stabilität und somit außer Reichweite für IS-Kommandooperationen.

Wenn auch der oberste Führer des Iran, Religionsführer Ayatollah Ali Khamenei den bisher schwersten Terroranschlag in Teheran seit Jahrzehnten mit den Worten herunterzuspielen versuchte, die Angriffe auf das Parlament und das Mausoleum Khomeinis seien „nichts als Feuerwerk, das keine Wirkung haben wird“ und weder den Willen des iranischen Volkes noch der Regierung beeinflusse, so traf der Angriff den Staat ins Herz; zumal Khomeinis Ruhestätte als staatliches Symbol und damit als Topziel für Terrorangriffe durch den IS gilt.
Daher lässt der professionell und perfekt geplante Angriff auf zentrale Orte der Iranischen Republik die Geheimdienste des Landes und die allgegenwärtigen Revolutionsgarden schlecht aussehen, da sie den koordinierten Schlag durch vom IS rekrutierte Landsleute nicht verhindern konnten, obwohl ein dritter Angreifertrupp anscheinend gestoppt wurde.
Der Doppelanschlag vom 7. Juni 2017 in Teheran hat die Spannungen in der Golfregion erhöht, denn unmittelbar nach den Terroroperationen beschuldigten die Revolutionsgardisten der Mullahs Saudi-Arabien, hinter den Aktionen des IS zu stehen. In einer Erklärung hieß es: „Dieser Terrorakt ereignete sich nur eine Woche nach dem Treffen zwischen US-Präsident Trump und den saudischen Führern, die Terroristen unterstützen. Die Tatsache, das der IS die Verantwortung übernahm, zeigt, dass sie (die Saudis, Anmerkung des Verfassers) in die brutale Attacke verstrickt waren!“
Diese Aussagen überraschen nicht, denn im Ringen um die Vorherrschaft am Golf stellt die iranische Propaganda den IS als einen Handlanger des saudischen Königshauses, der USA und Israels dar.

Für die zuletzt mehr und mehr in Bedrängnis geratene Terrormiliz war die Kommandooperation mitten in Teheran dagegen ein spektakulärer operativer und psychologischer Erfolg. Die dadurch ausgesendete Botschaft des IS an das sympathisierende Umfeld in aller Welt lautet: Die „Marke“ Islamischer Staat ist nach wie vor attraktiv, wir sind noch lange nicht besiegt und können überall, selbst im Land unseres Erzfeindes Iran, zuschlagen! Heißt im Klartext: Der Terror geht weiter – das Sterben für Allah ebenso!

 

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